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DIE GRAPHISCHE AUSSTELLUNG DES DEUTSCHEN KÜNSTLERBUNDES
Noch graziler und raffinierter, dekadent lebendig
ist Klimt (Wien) in seinen Lichtdrucken.
Die Oesterreicher sind noch mehrfach nicht
ungünstig vertreten. Koloman Moser bringt
vier Handzeichnungen, für seine Art, seine
Linienführung sehr bezeichnende Männerakte,
die er für dekorative Fensterverglasungen mit
Bleifüllungen adaptiert hat. Die Linien der
Körperumrisse und Muskulatur können durch
die Bleieinlagen so geschickt hervorgehoben
werden, daß sie beredt sprechen, ohne laut
zu renommieren. Ich kann mir derartige
Fenster wohl vorstellen, modern und doch
bis auf einen gewissen Wesenskern der Individualisierung
, im antiken Sinne empfunden,
etwa als Fenster für Korridore in Kunstakademien
, für öffentliche Bäder oder Turnhallen
. Ludwig Michalek und Franz von
Zülow, Ludwig Jungnickel, Moritz Jung,
sowie Mitzi v. Uchatius, Rudolf Jettmar,
Karl Moll und Otto Friedrich zeigen im
Holzschnitt wie in der Kaltnadelarbeit, daß in
Wien ein lebendiger Trieb nach Ausdrucksform
herrscht, wobei jeder einzelne, mit geringen
Anlehnungen, die wohl nur der Eingeweihte
herausspürt, seine eigenen technischen
Wege zu finden strebt.
Japanisierende Anlehnung, die bis zur Un
Selbständigkeit geht, scheinen mir die Farbenholzschnitte
Laura Langes zu verraten, wäh-
E. MUNCH-SAALECK « SELBSTPORTRÄT (RADIERUNG)
(VERLAG BRUNO CASSIRER, BERLIN)
EDVARD MUNCH-SAALECK « PORTRÄT STRINDBERGS
(VERLAG BRUNO CASSIRER, BERLIN)
rend Olaf Lange (Dachau) einen kühnen
Sprung in die Phantastik getan hat. Die farbige
Aetzkunst auf der Kupferplatte haben die
französischen Malerradierer seit etwa einem
Lustrum mit besonderer Feinfühligkeit gepflegt
. Ihre temperamentvollen, geschmacksicheren
eau-forte-coloree-Blätter beginnen bei
uns zwar nicht gerade Schule zu machen, aber
vereinzelte Versuche in dieser kombinierten
Technik tauchen auf. Bei Lange scheint alles
auf koloristische Phantastik gestimmt, die in
orientalisch schwülen Orgien leuchtet mit
Brokat-Goldtapeten, Schmetterlingsflügeln und
nackten Frauenschenkeln („Weiber auf Falterflügeln
").
In ganz aparten Farbenholzschnitten von
einem außergewöhnlichen Formenfeinsinn zeigt
sich Hans Neumann (München). Wie Paul
Neuenborn (München) liebt er Tiergestalten;
doch während dieser das Tier, sei es ein Affe
oder Nilpferd in seiner ganz natürlichen, von
leisem Humor gefärbten Tierhaftigkeit hinstellt
, übersetzt Neumann das Tier in eine
beredte Stilisierung, welche zugleich dekorativ
überraschend anspricht und von feinster Ironie
umspielt erscheint. Umspielt ist das treffende
Wort für die Art, wie er ein langnasig dünn-
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