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PETER BEHRENS DÜSSELDORF « ELEKTR. BELEUCHTUNGSKÖRPER * AUSFÜHRUNG: K. M. SEIFERT & CO., DRESDEN
vollziehen. Der Fabrikant ist seinem innersten
Wesen nach Vermittler. Er läßt herstellen,
wovon er Absatz erhofft. Spürt er, daß die
Wage zugunsten der modernen Tendenz
sich neigt, so wird er der letzte sein, der
diese Bewegung sich nicht mit Aufmerksamkeit
notiert und daraus seine Konsequenzen
zieht. Niemand wird bestreiten, daß der
Künstler andauernd Kämpfe mit dem Fabrikanten
zu führen hat. Aber von einer höheren
Warte aus gesehen, ist dieser Kampf nicht
das Wesentliche. Er erzieht auch den Künstler.
Bedauernswert wäre der Künstler, der all die
Funktionen des Fabrikanten mitübernehmen
sollte. Er wäre schließlich der erste, der auf
diese Rolle verzichten würde. Also gilt es,
diesen notwendigen Faktor nach Kräften nutzbar
zu machen, mit ihm zu arbeiten, ihn zum
Nachfolgen zu zwingen. Schließlich löst auch
hier eine neue Generation die alte ab.
Die zukunftskräftigen Tendenzen unserer
Zeit negieren die sentimentale Klage. Der
Künstler ist nicht verschrobener Phantast, der
abseits steht. Er erlebt am intensivsten die
Gegenwart, erwird schöpferisch in ihr, er ist der
resoluteste Arbeiter. Er hat seine Fehler und
Schwächen. Sich von ihnen zu befreien, dazu
leitet ihn der Geist der Allgemeinheit an.
Nur die schwächlichen Talente wollen für sich
sein und klagen die Mitwelt an, die ihnen
nicht zuhöre. Der starke Künstler sieht in
diesen fremden Faktoren die ihm nicht
fremd sind, da er ja mit ihnen lebt — das
Erzieherische. Um dieser Eigenschaft willen
sind sie ihm wertvoll. Denn die Gegenwart,
die Fülle der Umgebungen sind der reichste
und tiefste Born, aus dem der Künstler schöpft.
In dem Geist dieses Künstlers werden alle
fremden feindlichen Faktoren fruchtbar. Der
Zweifel gibt Bereicherung. Der Widerstand
weckt die Kraft. Und selbst das Allzu-Per-
sönliche befreit sich aus den engen Fesseln
und reinigt sich zu einer höheren Schönheit,
die umfassendere Geltung hat. Auf diesem
Niveau werden Persönlichkeit und Allgemeinheit
, die beiden Tendenzen, die immer feindlich
sein sollen, eins. Sie durchdringen einander
, und die eine lernt von der anderen.
Die Entwicklung gewinnt hier den Charakter
der Notwendigkeit, während sonst das Werden
nur zu leicht in der Zufallsphäre verharrt.
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