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IDEE UND PRAXIS
(DER »FACHVERBAND FÜR DIE WIRTSCHAFTLICHEN INTERESSEN DES KUNSTGEWERBES«)
Die Entwicklung einer Bewegung geht in Stoß und
Gegenstoß vor sich. Gerade die Tatsache, daß
eine neue Idee Widerstand weckt, bezeugt ihr Wachstum
. Sie tritt aus dem Geistigen heraus und stößt
mit dem Praktischen zusammen. Es findet zwischen
der Lebenslogik, die ein Produkt der Intellektuellen
ist, und den Lebenszufällen, die einer unkontrollierbaren
Masse von Existenzfaktoren ihr Dasein verdanken
, ein Anprall statt.
Es hat sich aber immer gezeigt, daß das geistige
Prinzip den Sieg behält. Alle Bewegungen, von
denen wir jetzt mit Achtung reden, legen dafür Zeugnis
ab. Schon um deswillen ist das der Fall, weil
ja die Praxis von der Idee genährt wird; sie geht
ein in das Leben, und das Leben entnimmt Ansporn
und Bedeutung von dieser innerst antreibenden und
erhöhenden Idee.
Man hat daher mit Erstaunen die Kunde vernommen
, daß der sogenannte »Fachverband für die
wirtschaftlichen Interessen des Kunstgewerbes« den
eigentümlichen Mut gehabt bat, gegen diesen geistigen
Gehalt einer Bewegung, die sie selbst trägt oder
tragen sollte, zu protestieren.
Dieser Fachverband hat an den Handelsminister
eine Beschwerde gerichtet, des Inhalts, es solle dem
Geh. Regierungsrat Muthesius seine fernere schriftstellerische
Tätigkeit untersagt oder ihm doch anheimgegeben
werden, vorsichtiger in seinen Aeußerungen
zu sein. Dieser Beschwerde lag bei das Februarheft
der »Dekorativen Kunst«, in dem der einsichtige
und klare Aufsatz von Muthesius »Die Bedeutung
des Kunstgewerbes« enthalten war, der die Grundlinien
der kunstgewerblichen Bewegung zog und die
Punkte festlegte, von denen aus ein höherer Ueber-
blick über das bisher Geleistete ermöglicht war.
Diese Arbeit hatten die Leiter des Fachverbandes
mit durchaus ungehörigen und unsachlichen Glossen
versehen und dem Handelsminister überreicht. Sie
haben auf diesen Aufsatz, der ja schon Ende Januar
erschien, erst zurückgegriffen, nachdem Muthesius
auf dem letzten Delegiertentag der Kunstgewerbevereine
im März seine Stellung zu diesen Machenschaften
deutlich kennzeichnete.
Dieser Aufsatz bildete zugleich die Eröffnungsrede
zu den Vorlesungen über modernes Kunstgewerbe
an der Handelshochschule in Berlin. Und
also wendeten sich die eifrigen Propagandisten mit
einer Beschwerde gleichen Inhalts an die Aeltesten
der Kaufmannschaft mit dem Ansinnen, dem Geh.
Regierungsrat Muthesius solle untersagt werden,
derartige Ansichten in den Vorlesungen an der
Handelshochschule zu vertreten. Man durchschaut
die Beziehungen und ahnt die Beweggründe, an die
hier appelliert wird.
Man sieht aber auch, in welche Beleuchtung
das Vorgehen des Fachverbandes rückt. Es richtet
sich gegen die in der Verfassung festgelegten Freiheiten
, und es richtet sich gegen das Wesen und
den Sinn der Universitäten wie der Handelshochschule
, deren Voraussetzung die freie Forschung ist.
Es ist Pflicht, diese Absicht rücksichtslos zu brandmarken
. Das Törichte dieses Vorgehens, das geradezu
Groteske dieses Ansinnens, für das so leicht
nicht ein Beispiel aus der Vergangenheit anzuziehen
ist, ist den Leitern des Verbandes wohl selbst nicht
recht klar geworden.
Was hat nun Muthesius gelehrt? Er hat ausgesprochen
, was dem Eingeweihten klar ist. Die
Entwicklung vollzieht sich, und der Einsichtige tut
weiter nichts, als daß er die Tatsachen, die er früher
erkennt als die anderen, die im Konkurrenzkampf
stehen, registriert.
Wenn Muthesius sagt, daß das deutsche Kunstgewerbe
im Auslande bis dahin nicht geschätzt,
ja gering geachtet sei, und die Fabrikanten dagegen
remonstrieren, — wem wird der Unbefangene da
glauben, einem Manne, der jahrzehntelang im Auslande
gelebt hat, oder den Fabrikanten, die für ihre
Interessen fürchten?
Wenn Muthesius über den augenblicklichen
Stand des Handwerks und der Industrie harte Worte
sagt — wem soll man glauben, dem Architekten,
der täglich mit diesen Leuten zu tun hat, also Erfahrungen
gesammelt hat, oder den Fabrikanten,
die notorisch sich nicht scheuten, billige und immer
billigere Talmiware auf den Markt zu bringen und
dadurch eben Handwerk und Industrie herunter
brachten auf ein Niveau, aus dem sich beide wieder
erheben sollen?
Wenn Muthesius das Recht des Künstlers betont
und von seinem Mitwirken eine neue Zukunft
(denn nur um dieser Hoffnung willen wird Muthesius
zum Ankläger) erwartet — wem soll man
glauben, dem Künstler, den das sozial-künstlerische
Gewissen antreibt, an eine umfassendere Allgemeinheit
, an eine intensivere Schönheitskultur zu glauben,
oder den Geschäftsleuten, die um den Profit bangen?
Doch auch das, die pekuniäre Frage ist nur eine
Frage der Zeit. Die >Dresdener Werkstätten«, die
vorbildlich sind, was das Zusammenarbeiten mit
dem Künstler anlangt, sehen auf eine außerordentlich
günstige Geschäftsentwicklung zurück. Und so gibt
es allenthalben Fabrikanten, die das Drängen der
Zeit schon begriffen haben, die gemeinsam mit dem
Künstler gehen. Es ist nur eine kleine Gruppe,
die dagegen angeht.
In der Tat nur eine kleine Gruppe. Denn dem
Fachverband gehören im ganzen nur 176 Firmen
an (die Kunstgewerbevereine umfassen zusammen
18 000 Mitglieder), die über ganz Deutschland verstreut
sind, und selbst unter diesen sind es wiederum
nur einige wenige, die seit zwei Jahren versuchen
, die andern mitzureißen im Kampf gegen
die der Zeit innewohnende Entwicklung. Der Protest,
der seinerzeit gegen die Dresdener Ausstellung in
Szene gesetzt wurde, die kürzlich erfolgte Beschwerde
der Tapezierer und Stukkateure in Sachsen, die Eingabe
des Fachverbandes an den Handelsminister,
das alles sind Zeichen der Zeit. Sie sind subjektiv
unerquicklich; objektiv aber verständlich, insofern
als sie dokumentieren, daß die kunstgewerbliche
Bewegung unaufhaltsam sich weiter ausbreitet. Solche
Widerstände und Angriffe sind nötig, um den Weg,
den die Entwicklung nimmt, äußerlich zu markieren.
Und in diesem Sinne muß man sie werten.
Ernst Schur
LESEFRÜCHTE :
Kein Lebender hat jemals ergründet, was den
„neuen Stil", den Stil seiner Zeit ausmachte. Man
frage bedeutende, aber ehrliche Künstler, ob sie wissen,
worin ihr Stil besteht. Sie wissen es nicht. Sie arbeiten
, wie sie müssen, und können nicht anders,
wenn sie ganze Kerle sind. Sie fragen nie, ob dieses
oder jenes an ihrer Arbeit nun auch im „neuen Stil"
sei. Sie denken an nichts anderes als wie sie dem
Zwecke und Material entsprechend ihrem eigensten
Geschmacke Ausdruck verleihen wollen. Otto Eckmann
Für die Redaktion verantwortlich: h. BRUCKMANN München.
Verlagsanstalt F. Bruckmann a.-g., München, Nymphenburgerstr. 86. — Druck von Alphons Bruckmann, München.
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