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RITTERGUT WENDORF UND HAUS KORFF
Von Ernst Schur
Vor sechs Jahren begann die Tätigkeit der
Architekten Krause und Korff in dem
kleinen Städtchen Laage in Mecklenburg; sie
waren die einzigen Privatarchitekten, die den
Kampf dort unter den schwierigsten Verhältnissen
aufnahmen. Es ist leicht, in der Großstadt
sich durchzusetzen, wo die öffentliche
Meinung eine verläßliche Stütze abgibt. Aber
selbst in der Großstadt klagen die Künstler
und reiben sich auf im Kampf gegen die
Widerstände. Wie viel schwerer ist das Eintreten
für neue Anschauungen auf dem Lande,
wo alles, selbst die Gebildeten, mit Beharrung
beim Alten bleibt, wo der Spott alles
Eigene verfolgt und jeder Schritt breit erobert
werden muß; besonders der Architekt, der
dauernd mit Leuten zusammenarbeiten muß
und auf sie angewiesen ist, die genau wissen,
wie es früher gemacht wurde, wie es für sie
am bequemsten ist, und wie es weitergemacht
werden soll, hat einen schweren Stand. Ein
ständiger Kampf nach allen Seiten, der oft nur
dadurch zu einem zeitweiligen Siege verhilft,
daß der Architekt sich erbietet, für dieselbe
niedrige Bausumme, die der Maurermeister
oder der Baubeamte bei einem Cliche-Bau verlangen
, ein eigenartiges Gebäude zu liefern.
In diesem Zeiträume gelang es den Architekten
, in einigen Bauten ungefähr eine Vorstellung
von dem zu geben, was sie erstrebten,
wenngleich auch die Rücksichtnahme auf die
Bauherren oft einen Strich durch die Rechnung
machte. Ein kleines Krankenhaus in
Laage, das in seiner einfachen Haltung das
Hinstreben zur Intimität bekundet; ein Yachtklubhaus
in Rostock, das namentlich in seiner
Außenarchitektur, durch die glatten Wände,
das breite Dach, das abwechslungsreich sich ineinanderfügt
, durch die Anordnung der Fenster
einen schlichten, landhausmäßigen Eindruck
macht; das Hotel „Stadt Hamburg" in Waren,
dem die Architekten durch Fernhalten überflüssiger
Zierformen einen vornehmen Wohnhauscharakter
zu geben verstanden haben. Auch
im Innern lassen die ruhige Wandgestaltung,
der schlichtfarbige Treppenbelag, die geschmackvollen
Beleuchtungskörper die guten
Grundsätze erkennen. Schließlich sei noch
eine Dreihäuser-Gruppe in Rostock deshalb
erwähnt, weil hier der Versuch gemacht wurde,
durch farbige Gestaltung der Fassade (farbig
verputzte Flächen) das Straßenbild zu beleben.
Eine Reihe Konkurrenzentwürfe für kleinbäuerliche
Gehöfts-Anlagen lassen schon in
ihrer sachgemäßen, sowohl intimen wie praktischen
Gliederung die Fähigkeit erkennen, aus
dem Alten, Ueberlieferten verständnisvoll einen
neuen Typus zu entwickeln. Diesen ländlichen
Charakter sucht Paul Korff auch für
die Wohnhäuser der besser situierten Ackerbürger
beizubehalten; er hat versucht, in Laage
selbst ein Straßenbild nach diesem Grundsatz
zu gestalten, paarweise, eingeschossige
Häusergruppen, jede mit einem kleinen Vorgarten
, so daß die Straße einen anheimelnden
Charakter erhielte. Aber der Ackerbürger
(o Kultur!) wollte nichts wissen von dem Vorgarten
. Er wollte nichts wissen von grünen
und bemalten Klappläden, er meinte, das sei
zu gewöhnlich und das Häuschen sähe dann
wie eine Kate aus. Große Spiegelscheiben
und immer drei Fenster gleichmäßig nach
der Straße, dahin stand der Ehrgeiz. So hatte
er es bei den Städtern gesehen. Denn nicht
ihn trifft der Vorwurf, sondern uns, die Städter,
die ein so schlechtes Beispiel jahrelang bisher
gegeben haben. Das hohe Dach erregte Entsetzen
, die glatten schmucklosen Wände Abscheu
, und schließlich siegte bei ferneren
Neuanlagen der Durchschnitt, die Schablone.
Die Straße erhielt „städtischen" Charakter;
rechts und links kamen die gräßlichen Hauskästen
zu stehen mit den flachen Dächern
und der nichtssagenden Physiognomie.
Kreislauf der Dinge! Jetzt muß erst wieder
eine andere Zeit kommen, die ein besseres
Vorbild gibt, die dem Lande erst wieder den
Geschmack, das Gefallen an der eigenen Bauweise
gibt. Die Ackerbürger bauen städtisch,
und in der Stadt baut man landhausmäßig.
Kreislauf der Dinge!
RITTERGUT WENDORF
Die mecklenburgische Landschaft hat ihren
eigenen Charakter. Fruchtbare, weite Ebenen;
wellige Linien der Hügelzüge, die den Horizont
so fein beleben. Unendlicher Ausblick ;
darüber der Himmel in schönen, groß sich
senkenden Flächen. Seen sind wie tiefe,
klare Augen eingesenkt, umstanden von hohen
Bäumen. Grünende Wiesenflächen, Wälder,
tiefbrauner Ackerboden. Ein Land voll malerisch
feiner Reize, die nie auffällig sich vordrängen
, voller Abwechslung und Ruhe.
Dekorative Kunst. X. 9. Juni 1907.
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