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WALTHER ILLNER
Mit einem eigentümlichen Zögern pflegen wir
uns heute einer künstlerischen Leistung
zuzuwenden, die als moderne Monumentalmalerei
bezeichnet wird. So fruchtbar auch die kritische
Terminologie in allen Reichen des Schaffens
gewesen ist, so eifrig sie sich um eine
Klärung der überkommenen Gattungstitel wie
um ein Herausarbeiten neuer, inhaltvollerer
Gruppen bemüht hat — diesen Begriff hat sie
noch nicht zu bewältigen vermocht. Der normale
Kunstfreund wird, seiner Erziehung getreu,
zuerst einige Schatten aus dem Werke des
Cornelius beschwören und sich schnell darüber
klar werden, wie Kaulbach über die
Ideenmalerei jenes wie über das historische
Genre hinaus zu einer auch in der Form
meisterhaften, vor allem dem Kartonstil weit
überlegenen Geschichtsphilosophie gelangte,
d. h. zu einer Philosophie, die sich statt des
geschriebenen Wortes des Pinsels und der
Wand als Ausdrucksmittel bedient. Wer würde
nicht die Bilder im Treppenhause des Berliner
Neuen Museums für Monumentalmalerei im
höchsten Sinne halten? Piloty kehrte dann
freilich wieder zum Staffeleibilde, wenn auch
kolossalsten Umfangs, zurück, gewann aber
dafür seiner Kunst jene enge Berührung mit
der geschichtlichen Wirklichkeit wieder, die
der realistisch empfindende Beschauer verlangen
kann. Feuerbach vermochte dem
Schicksal nicht die Vollendung seiner Wiener
Entwürfe abzuringen, und Hans von Marees'
schöner Versuch in Neapel blieb vereinzelt.
Von dem Können der Berliner historischen
Schule meldet die Ruhmeshalle, jenes riesige
Bilderbuch preußischer Geschichte; dann reißt
der Faden sachte ab.
Es ist sicher, daß ihn heute niemand weiterspinnen
mag. Vor allem deswegen, weil die
Geschichtsmalerei überhaupt keine lebendige
Kunst mehr ist. Was bleibt aber von dieser
Art Monumentalkunst übrig, wenn wir das
Pathos der vaterländischen Begeisterung, das
volkserzieherische Element aus ihr ausscheiden
? Ein gebildeter Realismus, der niemals die
letzten Konsequenzen aus seinen Absichten zu
ziehen wagt, ein matter Kampf mit der Fläche
und mit dem architektonischen Rahmen, der
nicht in einem Siege, sondern stets nur in einem
lauen Kompromiß endet. Auch dieglänzendsten
technischen Fähigkeiten, wie sie z. B. Arthur
Kampf noch jüngst in seinen Bildern aus der
Geschichte des Kaisers Otto im Magdeburger
Museum bewiesen hat, bringen dies Schaffen
dem Herzen der Gegenwart nicht näher.
Nirgends stehen sich Altes und Neues
schroffer gegenüber, scheiden sich die Wege
sichtbarer, als im Pantheon. Dort Bonnat,
Cabanel, Lenepveu, Laurens, Maillot, d.h.
Ribera und Tiepolo redivivi — hier, groß und
einsam, wie eine antike Statue in sich selbst
beruhend, Puvis de Chavannes. Die richtige
Aufgabe der Malerei ist, die Wände zu beleben,
sagt er; daneben soll man höchstens noch Bilder
malen, die nicht größer wie die Fläche einer
Hand sind. Das erste hat er getan, aber ist
denn diese Auffassung etwa neu? Regt sie
sich nicht schon in der Arena zu Padua,
schimmert sie nicht von den Chorwänden von
S. Maria Novella, dröhnt sie nicht wie aus
ehernen Posaunen von Decke und Altarwand
der Sixtina? Die Einheit mit der Architektur,
die der historischen Monumentalmalerei sonst
nirgends gelungen war, ja die sie kaum ernsthaft
erstrebt hatte, Puvis hat sie wieder gefunden
. Der peintre de careme verzichtet
auf alle Farbigkeit im Sinne der älteren Ko-
loristen, er verzichtet auf das Furioso der
dramatischen Steigerung, auf den Reiz des
kostümlichen Aufputzes. Er schlägt Töne an
von jenem getragenen Rhythmus, den die
Tempel der Griechen atmen; in der hellen,
kühlen Luft seiner Bilder versinken alle Kleinlichkeiten
und Nichtigkeiten, und nur die
ruhigen Gebärden eines in sich geklärten
Daseins voll Würde, Lauterkeit und Schönheit
werden wach. Das Entsagen aber gebiert ein
neues Leben, in dem es keinen Zwiespalt
mehr gibt zwischen Raumgrenzen, sachlichem
Inhalt und plastischer Form, sondern nur eine
feierliche Harmonie, die den inneren Sinn
des geschmückten Raumganzen doppelt feierlich
ausklingen läßt.
Der sakrale Grundzug in Puvis' Schaffen
durfte und konnte nichtzur Nachahmungreizen.
Die Gegenwart stellt andere Aufgaben, aber die
Künstler werden gut tun, Puvis de Chavannes
nie aus den Augen zu verlieren, wenn sie ihr
Glück vor eine große Wand weist. Daß die
Moderne, im Zusammenhang mit der kunstgewerblichen
Bewegung, wieder die Sprache
des Ornamentes gelernt hat und zwar des
Ornamentes, das nicht nur äußerlich mit
seinen Maßen wächst, wird niemand ohne
Bewunderung sehen. Doch das Ornament
reicht nicht überall aus, wo die Bewegung
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