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^=4^> EIN BAYERISCHES FREILUFT-MUSEUM IN MÜNCHEN
schon lange voraus, die den hohen Wert derartiger
Sehenswürdigkeiten für die allgemeine
Landeskenntnis und Schönheitspflege ländlicher
Architektur frühzeitig erkannt und das
Ziel mehrfach verwirklicht haben, so im Nationalpark
in Stockholm (sogenanntes „Skan-
senmuseum"), in Christiania und in Lingby
bei Kopenhagen. Es ist anzunehmen, daß
auch in der bayerischen Landeshauptstadt von
Seiten der Hofverwaltung oder der Stadtleitung
ein geeignetes, größeres Areal, am besten etwa
im Ausstellungspark, zu dem überaus schönen
und patriotischen Landeszwecke freigegeben
wird. Im übrigen sind die nötigen Kräfte für
die Ausführung in künstlerischer, landschaftsgärtnerischer
und finanzieller Hinsicht hier so
zahlreich vorhanden, daß es bei diesem ebenso
groß gedachten, wie eigenartigen Unternehmen
an Interesse gewiß nicht fehlen wird. Ueber-
dies ist das Projekt auch nicht allzu kostspielig
, zumal wenn die Ausführung nach
und nach geschieht und das zweifellos Gute
und Schöne der Sehenswürdigkeit nach dem
Maße der Mittel auch schließlich zu vollendeter
Darstellung bringt, zur Ehre Bayerns!
k. m.
ARBEITEN DER FACHSCHULE FÜR KORBFLECHTEREI IN LICHTENFELS
Unsre heutigen Abbildungen von Korbflechtereien
bieten nur eine kleine Auswahl
aus der Menge mannigfaltiger Gegenstände und
Formen, welche seit kurzem aus der Lichtenfelser
Fachschule hervorgehen. Es ist wirklich
überraschend, was hier geleistet wurde,
seitdem 1904 die Schule gegründet und der sehr
verständnisvollen Führung von F. Rhidt anvertraut
wurde. Die Korbflechterei ist im Lichtenfelser
Land eine bodenständige Industrie: die
Verarbeitung der heimischen Weiden bildet seit
langem den Haupterwerbszweig der dortigen
Bevölkerung. Doch waren die Leute stecken
geblieben in alter Schablone und in gedankenloser
Nachbildung von sogenannt „schmückenden
", in Wirklichkeit aber ganz zweckwidrigen
Formen und Schnörkeln. Wo immer der Geist
eines lebendigeren, materialgemäßen und unserem
modernen Empfinden für klare Einfachheit
der Form entsprechenden Kunstgewerbes
das Auge halbwegs erzogen hatte, fanden jene
rückständigen Erzeugnisse keine Aufnahme
mehr. Ein frischer Zug tat not; sollte der
ohnedies kärgliche Verdienst nicht auf ein
unhaltbares Minimum heruntergehen, mußten
neue Anregungen geschaffen, der Formensinn
belebt, die Technik verfeinert werden. Und dies
ist geschehen. Unsere wenigen Proben geben
schon den Beweis, wie gut der Versuch gelungen
ist: Wie reizvoll und wie handlich und
praktisch dabei sind diese Körbe und Blumenträger
! An manchen von ihnen sind ohne
Zweifel japanische Einflüsse noch stark merkbar
; „doch (mit Meister Hans Sachs gesprochen
!) sag ich nicht, daß dies ein Fehler
sei". Denn vorderhand sind es ja junge
Lernende, welche diese Sachen gearbeitet
haben, Schüler, deren Schönheitsinn und Geschmack
, deren Verständnis für die Reinheit
der Linie, für die Subtilität der Wölbung und
für die organische Einheitlichkeit eines Gebildes
erst geweckt und entwickelt werden
muß, und die auch den Maßstab für die Aku-
ratesse der eigenen Technik erst an technisch
vollendeten Werken gewinnen können. Wo
aber wären da bessere Lehrmeister zu finden
als die Japaner? Mit souveränerer Beherrschung
der Arbeit wird auch die größere
Freiheit der Gestaltung kommen.
Zugunsten einer gerechten Beurteilung der
Lichtenfelser Arbeiten sei noch der Hinweis
darauf gestattet, daß die unvergleichliche
Feinheit japanischer Korbflechtereien, diese
zierliche, elastische und zugleich so zähe und
kräftige Feinheit, durch die Feinheit des japanischen
Flechtmaterials mit bedingt wird und
mit unserer einheimischenWeidenflechtschiene
nicht erreicht werden kann. e. b.
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