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MANNHEIMER AUSSTELLUNGSGARTEN
I.
DIE LÄUGER-GÄRTEN
o Neues sich bildet und wo gekämpft
wird, da ist immer starkes und gesundes
Leben, das fraglos lebenswerter ist, als das
Ruhen in gesichertem Besitz, wenn es dem
Mitkämpfer und dem Zuschauer auch manchmal
planlos, irreführend und wenig kraftvoll
erscheint. Für unsere Kunst ist es ein günstiges
Zeichen frischen Vorwärtsgehens, daß
sie nicht mehr, wie in den letzten Jahrzehnten
fast ausschließlich, nur auf den großen, meist
aus geschäftlichen Gründen entstandenen Ausstellungen
sich zu zeigen braucht, daß sie immer
häufiger für das Leben und Bedürfnis selbst
schaffen kann, und daß in der Hauptsache
nur noch die Maler gezwungen sind, ihre
freilich allzu reichlich vorhandenen und allzu
beweglichen Bilder zu den Volks-Schauen zu
schicken, wo dann aus der Not eine Tugend
gemacht und das Skizzenhafte, Ursprüngliche
als das Erstrebenswerte angesehen wird. Der
Architekt ist in dieser Beziehung auch in den
Zeiten des Tiefstandes verhältnismäßig am
günstigsten gestellt gewesen und heute mit
Recht wieder besonders bevorzugt.
Um so auffälliger ist die Erscheinung, daß
die Kämpfe auf einem Gebiet, das als schwesterlicher
Zweig der eigentlichen Baukunst unter
denselben Bedingungen wie sie stehen sollte,
auf dem der schönen Gartenkunst, sich fast
ausschließlich in den Ausstellungen abspielen.
Der Architekt ist in den meisten Fällen für
seine Bauten nicht gleichzeitig der Gartengestalter
, weil die Erkenntnis noch nicht tief
genug gedrungen ist, daß Haus und Garten
eine lebensvolle Einheit bilden müssen. So
wird die Gestaltung des Gartens dem gärtnerischen
Fachmann überlassen, und die Künstler,
die neue Werte zu geben hätten, müssen feiern
und sich mit vergänglichen und mehr theoretischen
Ausstellungs-Arbeiten begnügen.
Die Erscheinung liegt in den geschichtlich
gewordenen Verhältnissen begründet, bei deren
kurzer Betrachtung auch auf die allgemeinen
Fragen, die uns heute bewegen, Lichter fallen
werden. Wenn wir auf die Gartenformen vergangener
und uns erreichbarer Zeiten zurückblicken
, dann erscheinen als Beispiele einer
glanzvollen Zeit die Gärten der italienischen
Renaissance. Ihre Bildungen zeigen den ungeheuren
geistigen Reichtum der Menschen,
die sie schufen und der vornehmen Geschlechter
, die in ihnen sich bewegten und
lebten. Haus und Garten bilden zusammen ein
architektonisches Werk aus einem Guß, das
von höchstem Rhythmus durchklungen ist.
Im französischen Garten Lenötre's sehen wir
die italienischen Kunstgesetze auf die Ebene
übertragen; wir sehen, wie er, um Mittel für
den Rhythmus verlegen, den in Italien das
bergige Land so ungemein begünstigte, zur
Anwendung pflanzlicher Architektur gelangt,
deren Formen aber doch wieder dem souveränen
Herrscherwillen des Bauherrn entsprachen
. Und endlich, etwa ein Jahrhundert
Dekorative Kunst. X. 10. Juli 1907.
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