Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 16. Band.1907
Seite: 461
(PDF, 139 MB)
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_16_1907/0476
VOM MÜNCHENER WALDFRIEDHOF

In früheren Zeiten war die Schönheit der
Friedhöfe etwas ganz Natürliches. Die Grab-
mäler zeigten die von der Sitte des Ortes
vorgeschriebene Form, die je nach dem Reichtum
der Familie einfachen oder kunstvollen
Schmuck trug, und die sich wohl im Laufe
der Jahrhunderte einmal veränderte. Aber
innerhalb einer Zeit herrschte eine schöne
selbstverständliche Gleichmäßigkeit und Unterordnung
des Einzelnen. Erst als die Tradition
aufhörte und die sich kreuzenden Einflüsse
und Anregungen aus früheren Kunstzeiten den
Geschmack verdarben, da begannen die Friedhöfe
öde Steinwüsten oder Sammelplätze der
schlimmsten künstlerischen Barbarei zu werden
. Jetzt wollte jeder auffallen und wählte
daher etwas von den Nachbarn möglichst Verschiedenes
, er baute das Grabmal so hoch,
wie es seine Mittel zuließen, und aus dem
kostbarsten und leuchtendsten Material.
GJ; Seit einiger Zeit bemühen sich die Künstler
um eine Besserung, indem sie wenigstens
neue Grabmalformen zu rinden suchen und
eine edlere Verwendung von Materialien anstreben
. Aber damit ist doch nur zur Hälfte
etwas getan: der Eindruck des Friedhofs im
ganzen wird dadurch, daß die einzelnen Grab-
mäler besser werden, noch nicht wieder zu seiner
alten Poesie zurückgeführt. Es wird immer
eine Anhäufung von Einzelheiten bleiben.

Man kann hier» wie so oft heute in künstlerischen
Dingen, der Sache nicht ruhig ihren
Lauf lassen, da der natürliche Lauf einmal
unterbrochen ist. Man muß der Freiheit des
Einzelnen Grenzen stecken, um dem Ganzen
zu dienen. Man muß für die Anlage des
Ganzen Gesetze aufstellen, denen sich jeder
zu unterwerfen hat.

Aus dieser Erwägung heraus hat der städtische
Baurat Graessel für die Ausgestaltung
des Münchener Waldfriedhofs Pläne entworfen,
die, wenn sie richtig durchgeführt werden,
eine künstlerische Wirkung der Gesamtanlage
verbürgen. Graessels Grundidee ist folgende.
Im ganzen soll der Charakter des „Wald"-
Friedhofs gewahrt bleiben. Unter hohen Tannen
liegen die Einzelgräber an den Wegen, jedes
für sich möglichst abgeschlossen. Die Einheit
liegt in der Situation des Waldes. Eine
Jury von Künstlern soll dafür sorgen, daß nur
künstlerisch wertvolle Monumente zur Aufstellung
kommen, damit die Stimmung des
Ganzen sich auf einer gewissen Höhe halte.

An manchen Stellen des Waldes liegen wohl
auch im Halbkreis mehrere Gräberstätten,
bei denen es dann auch darauf ankommt, die
Grabmäler zu einer einheitlichen Wirkung zusammenzustimmen
.

Abgesehen von diesen Einzel-Grabstätten
aber, die für etwas breitere Verhältnisse,
namentlich für die Ruhestätten von Familien,
gedacht sind, finden sich auf dem Waldfriedhof
noch eine Anzahl von größeren Gräberfeldern
, auf von Bäumen umstandenen Wiesenplätzen
, wo mehrere Reihen von Gräbern
nebeneinander liegen. Hier ist die Aufgabe,
einen einheitlichen Eindruck zu ermöglichen,
viel schwieriger, und hier hat Graessel seine
Absichten an einer Reihe von Modellen, dienach
seinen eigenen Entwürfen und denen einiger
Bildhauer ausgeführt sind, zur Anschauung gebracht
. Mehrere Tage lang war die Aufstellung
dem Publikum zugänglich gemacht und erfreute
sich des regsten Interesses.

Mehrere Ringe und Reihen von Hecken
bilden die Wiese; dazwischen laufen Wege;
die Kopfenden der Gräber, die aneinander
stoßen, sind durch die hoch gedachten Hecken
getrennt, die den Blick auf die nächste Reihe
fast gänzlich verhindern sollen. Nun ist das
Prinzip das, daß die Gräber einer Reihe immer
als ein Ganzes aufgefaßt werden sollen und
daher eine einheitliche Form von Grabmal
zeigen müssen. Veranlassung dazu war die
schon oben erwähnte wunderbare Wirkung
von alten Friedhöfen, wie etwa des Johannes-
Kirchhofs in Nürnberg, wo alle Grabmäler
die Form von liegenden Steinen haben, oder
vieler Dorfkirchhöfe, die ganz mit schmiedeisernen
Kreuzen bestanden sind. — Graessels
Modelle nun zeigen die verschiedensten
Grabmal-Arten. Im äußersten Ring, wo die
kostenlosen Reihengräber liegen, bestehen alle
Grabmäler aus ein fachen bemalten Holzkreuzen
mannigfacher Form, mit reizvoller Malerei
und kurzen Inschriften. — Eine andere Reihe
zeigt reichere schmiedeiserne Kreuze (die aufgestellten
sind alte Originale aus der Sammlung
eines kunstsinnigen Schmieds, der sie
aus Dorfkirchhöfen zusammengebracht hat).
Durch Farbe wird die Wirkung des Eisens
noch bereichert und gehoben. — In den inneren
Reihen, wo einfachere Familiengräber
liegen, sind einmal liegende Steine aufgestellt,
eine andere Reihe zeigt lauter stehende Steine
verschiedener Form, aber alle niedrig und ohne

461


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_16_1907/0476