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hatte er überflutet mit einem festlichen Orangegelb
, das wundervoll zum blauen Himmel
stand. Zierliche Lauben schmückten am Eingang
die altersgrauen Gebäude aus dem 17.
und 18. Jahrhundert; mächtige Kränze, von
unsichtbaren Drähten gehalten, schwebten wie
frei in der Luft. Unzählige lange Bänder
flatterten fröhlich von den obersten Stockwerken
bis zum Erdgeschoß. An einer Stelle
wölbte sich ein gelbes Gitter, von dem wieder
sofort das Gesprächsthema der Gesellschaft
durch herausfordernde Formen auf das Kunstgewerbe
undden Kampf desAlten mitdemNeuen
lenken; aber niemand wird sich derstillenFreude
an der Liebe und Sorgfalt entziehen können, womit
auch das scheinbar Selbstverständliche und
Gewöhnliche an diesen Geschirren . ohne
Prahlerei modern behandelt ist. Der Nymphen-
burger Porzellanfabrik kann man es zum Verdienst
anrechnen, daß sie Niemeyer heran-
Kränze und Bänder herniederwehten, an ande- gezogen, womit sie manche alte Sünde, das
ren überspannten gefärbte Föhrenzweige, bekrönt
von einem weißen Hirsch, die Straße
und teilten sie in überschaubare Bilder ab.
Wie sich nun durch diese Feerie, die nur ein
geborner Maler erfinden konnte, die Krone
des Festes, der unbeschreiblich schöne Fortunazug
Fritz Erlers mit den bauschenden, gelben
und dunkelvioletten Seidenbannern, den hellen
Girlanden und den finsteren Bogenschützen
bewegte — das wird allen, die das Glück
hatten, es zu sehen, einer der eindruckvollsten
Augenblicke ihres Lebens sein, und sein
Andenken wird immer mit dem Namen desjenigen
verknüpft sein, der den Schmuck der
Theatinerstraße geschaffen hatte.
Aber was wollen im Grunde alle
Erfolge in den Ausstellungen und
im rasch vorüberrauschenden Festglanz
besagen! Die neue Kunst
muß sich dauernd da bewähren,
wo sie eigentlich hingehört, im
Schöße der bürgerlichen Familie.
Und da liegt Niemeyers Reich.
Neben der angenehmen fertigen
Erscheinung, die durchaus auf den
durch die Farbenrevolution des
19. Jahrhunderts errungenen Anschauungen
beruht, und der graziösen
Behaglichkeit zeichnet Niemeyers
Anordnungen als entscheidend
ein ganz besonders praktischer
Sinn aus; er ist stark entwickelt, aber
doch nicht so, daß die Logik unerbittlich
bis über die Grenze
hinaus verfolgt wird, wo die Kunst
aufhört und der Maschinenbauer
beginnt. Durch das Zusammenwirken
dieser Eigenschaften hat
er im Hausgerät geradezu einen
Typus für das unauffällig Feine
geschaffen, das durchweg praktisch
ist und dennoch niemanden durch
die Pose des Praktischen stört.
Ein Tisch etwa, der mit Niemeyers
Porzellanen gedeckt ist, wird nicht
ewige Kopieren alter, gangbarer Muster und
die allzulange, ihrer ruhmreichen Vergangenheit
nicht entsprechende Vernachlässigung der
Umbildungsbestrebungen des Kunstgewerbes
wieder gut gemacht hat. Durch die Mitarbeit
Niemeyers und anderer jüngerer Kräfte hat
sie sich wieder Ansehen erworben — Ansehen
und Erfolg. Denn Niemeyers Porzellane
fanden ob ihrer Anmut und Einfachheit
alsbald weite Verbreitung. Aehnlich erging
es mit seinen Gläsern und Blumenkörben;
sie sind wie seine Möbelvorlagen und Stoffe
in die deutsche Familie eingedrungen und
erobern täglich weitere Kreise.
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