http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_17_1908/0170
-*»4^> FRANCISCO DE GOYA <^=^
Wiedergabe von
Farbe und Licht
sindihmalles,und
was ihn nicht interessiert
, darüber
geht er unbekümmert
hinweg,
die Rücksicht auf
seine Kunst geht
den Rücksichten
auf Konvention
und Etikette vor.
Diese souveräne
Nichtachtung
der Tradition, die
Goyas ganzes
Werk kennzeichnet
, offenbart sich
wohl nirgends
deutlicher, als in
dem großen Freskenzyklus
, den er
für die Kirche
S. Antonio de la
Florida in den
Auen des Manza-
nares ausgeführt
hat (Abb. S. 141).
In dieser seiner
umfangreichsten
Arbeit ignoriert
er vollständig das
zu einer unverbrüchlichen
Re-
gelgewordeneDe-
korationsschema,
mit dem seitjahr-
hunderten alle
Kirchenmaler die
Kuppel Wölbungen
gefüllt hatten, kein christlicher Olymp in Bühnenbeleuchtung
, keine Wolken, auf denen in genialen
Verkürzungen Engel und Heilige herumpurzeln
, nichts von alledem, was andere gemacht
hätten. Goya läßt das Wunder im Getümmel
eines spanischen Jahrmarktes vor sich
gehen, und indem er so auf dem Boden nüchterner
Alltäglichkeit bleibt, schafft er für sich, der
am Transcendentalen gescheitert wäre, die
Möglichkeit, in einer der Wirklichkeit abgelauschten
Szene ein Meisterwerk zu geben.
Das eigentliche Wunder, die Erweckung eines
Toten, ist ziemlich nebensächlich behandelt,
wir sehen einen Bettelmönch, der so heftig
peroriert wie ein Zahnbrecher, und um ihn
herum das übliche Gedränge des Marktes,
Bauernweiber, junge Mädchen und Burschen,
Gassenbuben, die das Mirakel nicht hindert,
F. GOYA
Karton für einen Gobelin
sich ganz ungeniert
umherzufle-
geln; sie unterhalten
sich, sie
schauen von der
Rundung der Kuppel
herunter in
die Kirche und
stellen einen Kontakt
her zwischen
dem Betrachter
und dem Gemälde
, der den Vorgang
völlig in den
Bereich des Möglichen
rückt. So
ist es zwar kein
Kirchenbild geworden
, aber eine
glänzende Schilderung
spanischen
Volkslebens
, brillant beobachtet
, flott und
lebhaft in die Farbe
gebracht. Die
übrigen Teile dieser
Fresken, zumal
die zu sehr
unverdienter Berühmtheit
gelangten
Engel, sind
schwach und beweisen
nur, daß
Goya da, wo er
gezwungen war,
dem Herkommen
Konzessionen zu
machen, oder wo
er seine Vorwürfe
nicht realistisch packen konnte, versagte.
Nur wenn er dem Leben, der Natur nahe
kommen kann, ist er groß; ja unerreicht,
wenn es ihm vergönnt ist, in Tier und Mensch
das durch Leidenschaft zu intensivster Betätigung
seiner selbst aufgestachelte Individuum
zu schildern. So z. B. die beiden
Szenen aus dem Madrider Mai-Aufstand von
1808 (s. das Titelbild* u. Abb. S. 136), wo er
die blutdürstige Wut eines bis zur Sinnlosigkeit
gereizten Pöbels, die Schauer der Todesfurcht
so unmittelbar wiederzugeben weiß, daß
er diese Bilder mit der ganzen tragischen
Größe jener entsetzlichen Tage erfüllte; die
grünen, gelben, roten Flecken, die sein Pinsel
auf die Leinwand fieberte, berichten die herz-
DER STROHMANN
* Als farbige Vorlage für unsere Reproduktion diente eine
von Willi Geiger im Prado zu Madrid angefertigte Kopie.
130
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_17_1908/0170