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^>^> DIE NEUE LANDSCHAFT <^=^
zählt hat, wie die sehnsuchtslosen, starren
Gestalten der griechischen Kunst ruhig in die
kühle Dämmerung der Unterwelt steigen, deren
Hauch sie schon im Leben umgeben, uns aber
die Kunst der Renaissance ein Neues dafür
gibt, Gestalten, die dem Menschen nicht nur
äußerlich ähnlich sind, die auch sein Inneres
widerspiegeln, die das Glück, die Liebe, den
Schrecken in unsere Seele tragen. Und es
will mir scheinen, daß ein ähnlicher Abschnitt
in der Entwicklung der Landschaft jetzt gekommen
sei, nicht gestern, auch nicht morgen
, sondern heute.
Ich bin noch mit der Lehre erzogen worden,
daß das Figurenbild höher steht als die „leere"
Landschaft und habe mich hie und da bemüht,
Figuren in meine Landschaften einzuführen.
Ich hatte aber eine Art Widerwillen dagegen,
und versuchte ich es bei einer besonders lockenden
Gelegenheit, so war gewöhnlich keine
Ruhe, bis die Dinger wieder heraus waren.
Da, einmal bei einem Spaziergange, traf mich
ein Motiv wie mit einem Schuß, wie ich es
oben erwähnt, so daß ich nichts mehr daran
drehen oder deuteln konnte, und als das Bild
längst gemalt war, fiel es mir erst auf, wie
unmöglich es wäre, in diese gegebene Landschaft
eine Figur einzuführen. Hätte ich die
hier ausgeführte Idee vorher verstandesmäßig
erkannt, wäre ich vielleicht nie zu dem Bild
gekommen. Sicher kam ich dazu ganz unfrei
in der Wahl, alle Gedanken post festum, und
das allgemeine Interesse in dem Vorgange
erblicke ich nur darin, daß er eben im Laufe
der steten Entwicklung seinen richtigen Platz
und damit seine Notwendigkeit gefunden hat.
Ein zweiter Gedanke war, daß ich mich
nur einiger Bilder Ludwig Dills und meines
Meisters Adolf Holzel erinnern konnte, von
denen ich dieselbe Empfindung hatte, während
in allen anderen Landschaften aller Zeiten,
die ich je gesehen, Menschen oder Tiere eine
Haupt- oder Nebenrolle spielten oder doch
hätten spielen können, hätte es dem Maler
so beliebt. Das war dann schon der Rückblick
auf die vorhergegangene Entwicklung der
Landschaft, zuerst als Hintergrund für die
Figur, als Nebensache, dann gleichwertig mit
der Figur, später die Landschaft Hauptsache,
die Figur darin winzig klein. Die kleinen Figür-
chen mit den grellroten und blauen Umhängtüchern
auf den englischen Landschaften des
vorigen Jahrhunderts hatte ich mir stets als der
Farbe wegen vorhanden gedacht. Heute weiß ich
aber recht wohl, wie leicht ein ähnliches Quantum
Rot oder Blau auch ohne Figur hätte untergebracht
werden können, aber unfrei, wie
sie waren, konnten auch große Künstler da-
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