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-sr4^> DIE BEURONER KUNSTSCHULE
die überquellende Fülle
tausenderlei wechselnden Erscheinungen, mit ihren
unendlichen Variationen der Menschengestalt, ihnen
gegenübergestellt fast wie ein mechanisch arbeitender
Reproduktionsapparat, der mit der Photographie
rivalisieren will; in Gefahr, vor lauter
Bäumen den Wald, vor lauter Spezies die Gattung
nicht mehr zu sehen und zu finden. Die Kunst
selbst war so lediglich auf das kunstübende Individuum
gebaut, damit einem beständigen Fiebern,
Haschen, Jagen überantwortet, genötigt, in jedem
einzelnen wieder ganz von vorn anzufangen.
Hier fehlt überall das Gegengewicht, das Haltgebende
, der objektive Lebensgrund der Kunst: das
Typische, das Normale, der Stil, der auf Grundzahlen
, Grundformen, auf festen Maßen beruht.
Nur dieses Element der sogenannten ästhetischen
Geometrie vermag das Meer der Variationen in
der Natur zum Stillstand zu bringen, ordnend,
scheidend, vereinfachend in
der Erscheinungen einzudringen
. Dieses erst befähigt
den einzelnen, nicht mechanisch
nachbildend, sondern
als vernünftig erkennender
und unterscheidender Geist
der Natur gegenüberzutreten.
Mit Hilfe dieses Elementes
gelingt es, namentlich die
endlosen Variationen der
Menschengestalt auf eine
übersehbare und unterscheidbare
Zahl von Charakteren
zurückzuführen,
welche sich wieder um den
„Kanon", die Norm, reihen,
der nicht aus der lebenden
Natur, sondern aus der ästhetischen
Geometrie genommen
ist. Goethe bemerkt in seiner
Italienischen Reise, daß die
Griechen in ihren Werken
die ganze Menge der uns
umgebenden Charaktere in
derMenschengestalt auf etwa
zwölf reduziert haben, und
er wird hierin das Richtige
getroffen haben. Alle die
dazwischen liegenden zahl-
losenMöglichkeiten sind nicht
mehr Objekt der Kunst, weil
sie sich nicht mehr scharf
charakteristisch unterscheiden
lassen. Auch unter den
Altersstufen des Menschen
sind es nur acht, welche vorwiegend
künstlerische Bedeutung
haben: Kind, Knabe,
Junge, Jüngling, Mann, gereifter
Mann, alter Mann,
Greis. Das Dazwischenliegende
zerfließt und gleicht
den Zwischentönen in der
Musik, welche keine guten
einfachen Zahlen haben und
die man nicht braucht. So
gibt es auch in der Farbe
Töne, welche man, selbst
ohne sie mit andern zu
vergleichen, charakterlose,
schlechte nennen kann, oder
gewisse Grade der Tiefe und
Helligkeit eines Tones, die
uns ohne weiteres angenehm
BEURONER KUNSTSCHULE
DER HL. BENEDIKT (1900)
berühren; sie haben in der Skala ein gutes Maß,
und das fühlen wir unbewußt. Oder zeichnen wir
z. B. in einen Kreis eine aufsteigende Reihe von Polygonen
ein, so werden wir alsbald finden, daß es
uns leicht ist, bis zum Achteck mit dem Auge
rasch zu folgen (nur das Siebeneck macht einige
Schwierigkeit), die Figuren nicht nur nach ihrer
Gestalt aufzufassen und zu unterscheiden, sondern
auch nach ihrem Charakter, sozusagen nach ihrer
Seele. Viel schwieriger und zuletzt unmöglich wird
uns dies, je komplizierter die Figuren werden.
Was kann aus all dem für ein anderer Schluß
gezogen werden, als daß die einfachsten Figuren
und Formen, die einfachsten Grundzahlen, Grundmaße
, Klang- und Farbentöne die edelsten und
besten, die künstlerisch wertvollsten seien; je näher
dem Ursprung, der Quelle, dem Eins, umso besser
und heiliger und fähiger, Heiliges auszudrücken.
Auch Kepler in seiner harmonia mundi macht die
Bemerkung, daß diejenigen
Intervalle in der Musik die
besten seien, deren Wohlklang
am raschesten ins Ohr
fallen, und das seien gerade
die der einfachsten Zahlen.
Die alten Choralisten mahnten
, man solle nicht über die
Zahl sechs, das alte Sena-
rium hinausgreifen, und dem
verdankt in der Tat der Choral
seine Würde, Kraft, Erhabenheit
, mit der die feinste
Zartheit sich verbinden kann.
Die Architekturwerke der alten
Zeit, der klassischen
Kunst, gehen über die Maße
der fünf regulären Körper
nicht hinaus; Plato nennt
diese die Quelle aller Schönheit
; das sei es, was den
Werken das Entzücken gebe,
sie adle, aus der Wirklichkeit
, der Sphäre des Gemeinmenschlichen
hinaushebe
.
Das Ein fache, Abgeklärte,
Typische, das seine Wurzeln
in den einfachsten Zahlen
und Maßen hat, bleibt daher
die Grundlage aller Kunst,
und das Messen, Zählen und
Wägen bleibt ihre wichtigste
Funktion; das Ziel
aller hohen Kunst ist
die Ueb ertragung, die
charakteristische Anwendung
der geometrischen
, arithmetischen,
symbolischen Grundformen
aus der Natur
imDienste großerIdeen.
Den Menschen selbst, Adam,
das Ideal aller Kreatur, hat
Gott nach seinem Ebenbild
geschaffen, aus dem Geheimnis
jener Zahlen, welche sein
eigenes Wesen ausdrücken:
drei in eins und eins in
drei, aus der Grundfigur
des Dreiecks, welche das
Gerade und das Ungerade,
das Männliche und Weibliche
, die Zwei- und Drei-
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