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-^^> DIE BEURONER KUNSTSCHULE <^^~
geschah. Von vornherein rechnete Lenz für
die Bemalung seines ersten größeren Bauwerkes
auf seinen Freund Wüger und als die
Kapelle dastand, gingen beide zusammen nach
Rom, um die Kartons zu machen. Es war
im Jahre 1870.
Wüger war, wie schon oben hervorgehoben,
mehr Zeichner als Maler. Was er liebte, war,
tagelang herumzuprobieren an einer Komposition
, bis das Papier schwarz geworden,
um dann wunderbar fein eine wohldurchdachte
Kontur daraus zu pausen. Oder er machte
dieselbe Komposition zehn-, zwanzigmal. Ging
es an die Ausführung, so kannte seine Gründlichkeit
keine Grenzen. Alle Figuren wurden
vom Skelett an studiert. Falten zeichnen
konnte er wie keiner. Und so wurde er der
berufene Mitarbeiter des gewiß genialeren,
aber technisch nicht so ausgebildeten Lenz,
dem das Geschick keinen reichen Vater wie
Wüger gegeben und der erst spät, er war zuerst
Schreiner, zur Kunst gekommen war. Wüger
fand aber in den Skizzen des Lenz, denn dieser
machte alle Entwürfe zur Malerei der Kapelle,
eine kostbare Vorarbeit. Und er wußte sie
BEURONER KUNSTSCHULE
MODELL ZU EINER KAPELLE (1890)
zu schätzen. Er wich kein Strichlein davon
ab, ja mit der Lupe betrachtete er sie!
Als die Kartons gezeichnet, reisten Lenz
und Wüger, begleitet von einem Schüler des
letzteren, Fridolin Steiner, nach Beuron und
die Arbeit begann. Sie ließen einen „erprobten
Freskomaler" aus München kommen, und
dieser zeigte, wie man „al Fresco" male.
Aber sie sahen bald, daß auf die Art, wie
dieser Fresko malte, nichts Schönes zu erreichen
sei und so dankten sie herzlich und
schlugen, als er gegangen, alles Gemachte
wieder von der Wand. Lenz riet nun, einfach
auf den Mörtel zu aquarellieren und so kam
man zu guten Resultaten. Die Mauruskapelle
wurde gemalt und — viele schalten.
Aber die Fürstin und Abt Maurus Wolter
von Beuron waren zufrieden. Lenz, Wüger
und sein Schüler erlebten einen schönen Tag.
Es kam der Bischof und weihte das Kapellchen
und seinen Altar, und alle drei waren
überglücklich, Gott ein einheitliches Stück
Kunst darbringen zu können.
Kurz darauf traten Wüger und Steiner im
Kloster Beuron in den Orden des hl. Benedikts
einund bekamen dieNamen
Gabriel und Lukas. Lenz ging nach
Berlin. Hier entstanden sehr ägyp-
tisierende aber köstliche Zeichnungen
, Aquarelle und Plastiken
und da war es, daß Lenz, angeregt
durch das Buch von Zeising
über den goldenen Schnitt, seinen
Kanon der menschlichen Figur
fand, an dem er jetzt noch arbeitet.
Lang dauerte aber der Verbleib
in Berlin nicht. Er ging wieder
nach Beuron und blieb dort als
Laie im Kloster.
Da kam das Jahr 1874. Die
Ordensleute mußten vor dem Gesetze
weichen und Deutschland
kam dadurch um einige sehr schöne
Arbeiten. Das Erzkloster Monte
Cassino hatte die Absicht, zum
Jubiläum seines Stifters, des hl.Benedikts
, seine Zelle mit angrenzenden
Räumen restaurieren zu
lassen. Der Prior, ein Deutscher
von Geburt, jedoch in Amerika
erzogen, ein Mann von feinem Geschmack
und großem Wissen, sah
auf einer Reise nach Deutschland
die Malereien der Kapelle von
St. Maurus. Er bot die Arbeit in
Monte Cassino den Künstlern von
Beuron an, die unterdessen in
Tirol ein vorläufiges Unter kommen
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