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wird. Denn daß beide vorhanden sein müssen,
ist gar kein Zweifel. Man kann sich den
Gegensatz am besten an einer Bachschen
Fuge und einem tonmalerischen Werke von
Richard Strauß klar machen. Dort ein Vorherrschen
der mathematischen Form, d. h. der
illusionsstörenden Elemente, hier ein Vorherrschen
der Tonmalerei, d. h. des natürlichen
Gefühlsausdrucks, unter starker Vernachlässigung
der rein rhythmischen und
harmonischen Reize. Jedermann fühlt, daß
das Wahre und Höchste nicht in diesen
Extremen, sondern irgendwo zwischen ihnen
liegt.
Hier bietet sich nun aber eine Schwierigkeit
, die man nicht vertuschen darf. Der
Aesthetiker kann wohl sagen: Jedes Kunstwerk
muß sowohl illusionserregende als auch
illusionsstörende Elemente haben. Aber er
kann nicht sagen: Beide Gruppen müssen in
einem ganz bestimmten dynamischen Verhältnis
zueinander stehen. Denn die Tatsachen
der Kunstgeschichte beweisen, daß eben dieses
Verhältnis nichts absolut Feststehendes ist,
sondern immerfort wechselt.
Hiermit sind wir bei dem Kern der Frage
angelangt. Die meisten Aesthetiker, welche
die Tatsache des Stilwechsels konstatieren,
begnügen sich mit der Erklärung, daß der
Mensch durch gewohnte Reize ermüde, eine
gewisse Abwechslung verlange. Wenn ein Reiz
eine Zeitlang auf den Organismus gewirkt
habe, so fordere dieser einen anderen neuen
Reiz. Das ist freilich nicht zu bezweifeln.
Aber damit ist noch gar nichts über die Richtung
gesagt, in der sich dieser Wechsel vollziehen
muß. Es handelt sich durchaus nicht
darum, daß der spätere Künstler überhaupt
etwas anderes darbietet, eine „Anderslösung"
gegenüber der früheren gibt, sondern seine
Lösung muß eine bessere • im Sinne seiner
Zeit bessere — sein. Die Richtung, in der
sie liegen muß, ist eben durch das Vorhandensein
dieser beiden Seiten der Kunst und ihr
jeweiliges Verhältnis zueinander gegeben.
Der Wechsel besteht nämlich einfach darin,
daß in der einen Periode die illusionserregenden,
in der anderen die illusionsstörenden Elemente
stärker betont werden. Keine von beiden Gruppen
wird dabei völlig vernichtet — Panoptikum
und Panorama sind keine Kunstformen —,
aber in der einen Periode werden die illusionserregenden
Elemente möglichst gesteigert,
die Naturwahrheit, das organische Leben, das
Gefühl verhältnismäßig stark betont, in der
andern die illusionsstörenden Elemente möglichst
in den Vordergrund gerückt, die Form
an sich, die Technik, der Stil besonders ausgebildet
. Ich will das an der Malerei, die den
Lesern dieser Zeitschrift wohl am meisten
vertraut ist, etwas genauer nachweisen.
(Die Fortsetzung folgt)
VON AUSSTELLUNGEN
UND SAMMLUNGEN
DERLIN. In Caspers Kunst-Salon hat, wie schon
vor Jahren, wieder eine Gruppe englischer
Künstler »The Society of 25«, ausgestellt. In der
Hauptsache sind es Landschafter von recht gutem
Durchschnitt, unter denen besonders Hughes
Stanton, Terrick Williams, Sydney Lee und
Montagu Smyth zu nennen sind. Vorteilhaft
bemerkbar macht sich daneben noch Miss Con-
stance Halford durch die delikate Zusammenstimmung
feiner, empfindlicher Töne. Aus der
kleinen Schar deutscher Künstler ragt hervor
Robert Böninger mit einem guten Damenporträt.
Bei Cassirer hängen mehrere Variationen der
bekannten Themata >Gemüseauktion in Delft« und
»Reiter am Strande« von Max Liebermann, sowie
eine Kollektion von Werken Max Slevogt's.
Ausgezeichnete Rennbahnskizzen, Beleuchtungseffekte
und Bewegungsstudien, ein großer exotischer
»Mädchenraub« und einige Porträts: ein Offizier
in blauer Uniform, sowie zwei weitere bekannte,
brillant gemalte Damenporträts. Einem dritten
Damenbildnis sieht man leider zu sehr die Hast
an, mit der es für die Ausstellung notdürftig
vollendet wurde. Im stärksten Gegensatz zu Slevogts
flotten, temperamentvollen Pinselhieben steht die
ruhige, solide Art, mit der Otto H. Engel seine
friesischen Menschen und Landschaften auf der
Leinwand festhält. Klar in der Auffassung und
klar in der Farbe haben diese Bilder etwas von
der Schlichtheit und Innerlichkeit des niederdeutschen
Charakters. Außerdem sind noch eine Reihe
von Gemälden ausgestellt von Theo von Brockhusen
und von Alexei Jawlensky, sowie zwei
gute Courbets und eine — wenig bezeichnende —
Landschaft von Renoir.
Wenn die Galerie Schulte uns durch eine auf
recht minderwertigem Niveau stehende Jagd- und
Sportausstellung langweilt (wohl aus Anlaß der
gleichzeitigen Berliner Geweihausstellung), so entschädigt
sie uns vollauf durch die Vorführung von
Werken Otto Greiner's. Im Mittelpunkt des Interesses
steht >Odysseus und die Sirenen« aus dem
Leipziger Museum. Souverän rücksichtslos gegenüber
herkömmlichen Kompositionsgesetzen zeigt der
Künstler hier eine plastische Gestaltungskraft, in ,
der ihm heute kaum ein anderer gleichkommt
und die die Erinnerung an das graphische Werk
Greiners wachruft. Erstaunlich ist es, wie so ein
Akt bis ins kleinste Detail durchgearbeitet ist und
doch als Ganzes wieder zu direkt monumentaler
Wirkung kommt. Daß wir es hier nicht mit einem
malerischen Unvermögen zu tun haben, sondern
mit einer in der künstlerischen Entwicklung begründeten
Konsequenz, beweist das früh entstandene
, rein malerisch konzipierte Porträt des Herrn
Haferkorn. Dankbar müssen wir der Galerie
Schulte sein, daß sie zu diesem Bilde, wie auch
zu dem späteren »Herkules bei Omphale«, eine
große Menge von Skizzen herbeigeschafft hat und
uns dadurch die Möglichkeit gibt, einen Einblick
in die ernste Arbeit eines Künstlers zu tun, der
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