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WIE ENTSTEHT EIN KÜNSTLERLEXIKON?
gehende Sammelprozeß verläuft nun etwa in
folgender Weise. Das Charakteristische in
dem Entstehungsgang jedes Namenlexikons ist,
daß es zunächst in alphabetisch anzuordnenden
Zetteln angelegt werden muß, auf denen
die Literaturnachweise zur Verarbeitung der
einzelnen Biographien verzeichnet werden.
Umfassende Literaturexzerpierungen, die sozusagen
das Rohmaterial für den aufzuführenden
Bau liefern, bilden daher die erste
langwierige Vorarbeit, die, trotz der Ueber-
nahme eines gewaltigen, von Laban und von
Tschudi für das Meyersche Werk ausgezogenen
Literaturmateriales, für das Thieme-Becker-
sche Lexikon die Zeitdauer von mehr als
zehn Jahren noch in Anspruch genommen
hat. Eine reichhaltige, eigens für diese besonderen
Zwecke zusammengestellte Hand-
Bibliothek, die neben einer vollständigen lexikalischen
und internationalen Fachzeitschrif-
ADOLF BRÜTT NACHT
Große Berliner Kunstausstellung 1908
ten-Literatur das wichtigste der kunstwissenschaftlichen
Literatur in sich vereinigt, ermöglichte
es, diese Exzerptionsarbeiten in
der Hauptsache an Ort und Stelle zu erledigen
; schwer zugängliche Werke wurden von
auswärtigen Mitarbeitern zur Durchsicht übernommen
.
Eine große Schwierigkeit bei der Einordnung
dieser Hunderttausende von Künstlernamen
bereiten nun die bis in das 18. Jahrhundert
hinein üblichen Schwankungen in der
Schreibart derselben, die dem in dieses wahre
Labyrinth Uneingeweihten oft ein halbes Dutzend
von verschiedenen Künstlern da vortäuschen
, wo es sich immer um ein- und
denselben handelt. Andere Schwierigkeiten
erwachsen aus dem allmählichen Verlauf des
Ueberganges der Patronymika und Herkunftsnamen
in die Familiennamen. Bis zu der
Zeit, da noch keine festen Familiennamen
sich eingebürgert haben, d. h. bis gegen die
Mitte des 16. Jahrhunderts, und die Benennung
nach der väterlichen oder lokalen Abkunft
üblich war, wird nach den Vornamen,
nicht nach dem Patronymikum oder dem Herkunftsnamen
angeordnet. Schwierig aber wird
die Entscheidung in den Uebergangszeiten,
wo die Vaters- und Ortsnamen sich zu Familiennamen
zu festigen beginnen.
Eine nächste Etappe bezeichnet dann die
Verteilung der Namen an die Mitarbeiter.
Konnte zu Naglers Zeiten noch ein einzelner
das ganze Gebiet der alten und neueren Künstlergeschichte
allein beherrschen, so haben
sich seitdem die Grenzen so unendlich erweitert
und die Art der Forschung sich so
vertieft, daß der Herausgeber eines universalen
Künstlerlexikons heute unbedingt auf
die Unterstützung zahlreicher Spezialforscher
angewiesen ist. So ist das Arbeitsfeld des
Thieme-Beckerschen Lexikons auf mehr als
300 Fachgelehrte und Lokalforscher des In-
und Auslandes verteilt. Die viel Umsicht
erfordernde Aufgabe der Redaktion ist es,
die Verteilung so vorzunehmen, daß jeder
dasjenige Bereich zur Bearbeitung zugewiesen
erhält, auf welchem er sein Bestes zu geben
imstande ist. Auf Duplikatzettel werden in
kritischer Auslese die wichtigsten ausgezogenen
Literaturzitate übertragen, diese dann
an die Bearbeiter versandt, die damit in den
Besitz eines mehr oder weniger kompletten
literarischen Materials für die Zusammenstellung
ihrer Artikel kommen, das sie eventuell
durch nur ihnen zugängliche Lokalliteratur
noch ergänzen.
Die zurückgesandten Biographien sind nun
auf ihre äußere Form hin, Umfang usw. zu
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