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FREIE KUNST IN DER HESSISCHEN LANDESAUSSTELLUNG 1908
Proben von Heims scharf die Persönlichkeiten
herausstellender Porträtkunst, der
prachtvoll sicheren und gewandten Rötelzeichnungen
(Abb. S. 101), darin er ein Meister gewesen
, und als die besten und reichsten Gaben
unter seinen Gemälden die „Die Alten im
Pfründnerhaus" (Abb. S. 102) und den „Sonntag
im Odenwald" (Abb. S. 85). Er hat die beiden
geschaffen im frühen Anschluß an die gerade
sich bildende Müncbener Secession, an die
neue Lehre vom Licht und seinen Wundern,
der er schon in Frankreich unter dem persönlichen
Einflüsse Dagnan-Bouverets gefolgt
war. Von des Pariser Meisters weicher, verträumter
Sentimentalität liegt noch ein Rest
in dem Bilde des Odenwälder Bauernpaares.
Aber im Grunde ist in der Charakteristik
mehr denn in der Farbe doch schon die feste,
eigene Kraft gewonnen, die noch so vieles
hätte schenken und wirken können, wäre ihr
dazu die Zeit gegönnt gewesen. Mit der
Odenwaldlandschaft ist August Wondra durch
WILHELM THIELMANN
OBERH. MADCHEN IN
ABENDMAHLSTRACHT
Ausstellung Darmstadt 1908
ein unentwegt betriebenes Studium vertraut
wie kaum ein zweiter, und man merkt aus
seinen Bildern, daß sie aus der rechten Liebe
zum Geschauten gemalt sind. Weilt er
drinnen im Gebirg, so suchen sich A. Hartmann
, W. Altheim, H. Bahner, H. Kröh
ihre Motive draußen an den gegen die Main-
und Rheinebene sich senkenden Hängen. Da
ist auch der treffliche Karl Küstner heimisch,
der seinen Aufenthalt alljährlich im Winter
und Vorfrühling im „Ried" hat, der großen
vom Rhein durchflossenen Ebene, die westlich
an den Odenwald grenzt. Wenn die ersten
Tauwinde streichen nach der Herrschaft von
Schnee und Frost, und wenn der Kampf
zwischen Nebel undSonnewundersameFarben-
spiele schafft auf Tümpeln und Teichen, dann
hält Küstner die selten beobachtete Schönheit
fest und er gibt jedem Bild durch eine
leuchtende, starke Farbe einen dekorativen
Eindruck, der über die ursprüngliche Bedeutung
des Motivs oft hinausgeht. Auch Eugen
Bracht, der als Landschafter eigentlich
überall im deutschen Gebiet heimisch
ist, hat neuerdings selbst ausgesprochen
, daß es ihn immer wieder
nach den Stätten seiner Jugenderinnerungen
zurückziehe. Die alte Burg
Otzberg am Nordrand des Odenwal-
des hat er gemalt und einen Ausblick
von der Mainebene hinüber über den
Strom und auf den Taunus (Abb.
S. 91), zwei Stücke mit absichtlich
betontem äußeren Effekt. W. Bader,
der sonst am liebsten die zarte Schönheit
der freundlichen Bergstraßen-
städtlein in kleinen trefflichen Aquarellen
schildert, hat sich zum erstenmal
mit einem großen Porträt versucht
, dem Bildnis einer alten Frau
(Abb. S. 98) und die Charakteristik
der schlichten, kleinbürgerlichen Gediegenheit
und Treue ist ihm wohlgelungen
.
Im kleinen Kreis der oberhessischen
Malerist Meister KarlBantzer
der Führer. Eine ganze Kollektion
seiner Bilder aus der Schwalm ist
vorhanden, die bekannten älteren
„Hochzeitsmahl" und „Kirmestanz"
(Abb. Jahrgang XV S. 89), die hessischen
Bauern vor der Kirche, die
diese Zeitschrift auch schon zeigen
durfte (Abb. Jahrgang XXIII S. 173),
und die feine Veranschaulichung von
Schwälmer Bauernstolz und -würde,
die „Bauernbraut" im heute noch üblichen
reichen Aufputz ihres Standes
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