Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 19. Band.1909
Seite: 86
(PDF, 162 MB)
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FREIE KUNST IN DER HESSISCHEN LANDESAUSSTELLUNG 1908

ben der Körper von Schafen (Abb. S. 97) und
allerhand Federvieh (Abb. S. 93) so erstaunlich
und wirklich ungesucht anmutig, daß der
Beschauer kaum begreift, wie die gestaltende
Hand einmal so wuchtig, dann wieder so leicht
in den Ton greifen kann. Heinrich Jobst
kommt in den Abteilungen der angewandten
Kunst stärker zur Geltung denn hier. Aber
die Porträtbüsten (Abb. S. 92) und kleinen Statuetten
(Abb. S. 86), die er in der Plastikgruppe
aufgestellt hat, zeugen für die feste,
ihrer Mittel und ihrer Wirkung gewisse Sicherheit
seines Könnens. Die junge Bildhauerin
Luise Staudinger hat mit einer Sandsteinbüste
ihres Vaters, kleinen Bronzefigürchen
(Abb. S. 104) von guter und fester Geschlossenheit
der Form und einigen Plaketten (Abb. S. 90
u. 96) ehrlichen Erfolg. Von den Arbeiten des

heinrich jobst tänzerin

Ausstellung Darmstadt 1908

in München schaffenden Georg Busch gefällt
die große zusammengekauerte Figur „Der verlorene
Sohn" zumeist, danach wären F. Böres,
R. Cauer, Marie Kern-Löfftz und N. Pabst
zu nennen. Der junge Mainzer Otto Steigerwald
zeigt ein hübsches Kinderköpfchen in
Marmor. Große Fragmente aus einer Monumentalkomposition
„Pest" sind aber nicht
mehr als anerkennenswerte Talentproben von
jugendlichem Sturm und Drang erfüllt, jedoch
im Grunde Reminiszenzen an Meunier und
Rodin. Aber man wird Reiferes von dem Anfänger
erwarten dürfen.

Es wäre unrecht, die Besprechung abzuschließen
, ohne mit besonderem Danke der
Stiftung des prachtvollen, für alle Dauer bestimmten
Ausstellungsgebäudes durch die Stadt
Darmstadt und der Raumkunst Olbrichs zu gedenken
, die es geschaffen und ausgeschmückt.
Da hat nun auch nach dem Vorgang Mannheims
die hessische Residenz, die doch nur
eine Mittelstadt genannt werden kann, ein
glänzendes Beispiel bürgerlicher Opferwilligkeit
für die Festigung und die Erweiterung
ihres Rufes als einer Pflegestätte der Kunst
geliefert. Wo sind die Großstädte, die dem
Vorbild folgen? Freilich erwächst aus dem
Vorhandensein eines solchen Hauses auch die
Pflicht einer dauernden Benutzung, und dazu
kann der schöne Erfolg der Ausstellung hessischer
Kunst im Jahre 1908 die beste und erfreulichste
Anregung sein.

APHORISMEN

Macht euch meinetwegen über die Werke her —
aber laßt die Menschen, die sie schufen, in Frieden ;
denn jene werden doch immer wider euch zeugen,
diese müssen stumm und wehrlos unter der Erde
ruhn. Lieber will ich den Wert der vergänglichen
Werke herabgesetzt sehen, als die ewige Würde und
Bedeutung einer einzigen Menschenseele geschmäht.

W. Steinhausen

*

Alles menschliche Verständnis ruht auf Erinnerung
. Wer also Verständnis für Bilder gewinnen
will, muß sein Erinnerungsvermögen für sichtbare
Dinge pflegen. Es ist kaum glaublich, wie schlecht
das Gedächtnis vieler Menschen gegenüber aller Sichtbarkeit
arbeitet. Dieselben Leute, die genau wissen,
wie der Engländer dieses oder jenes Wort ausspricht,
oder wie hoch die Zahl der preußischen Truppen bei
Prag war, wissen nicht, ob ihr Haus ein Ziegeldach
oder Schieferdach besitzt, und ob bei der Kirche ein
Ahornbaum oder eine Linde steht. Begreiflicherweise
können Menschen ohne alles Gedächtnis für das,
was sie sehen, auch ein Bild nur gedächtnislos, das

heißt Oberflächlich ansehen. Friedrich Naumann

*

Was einer in der Kunst wert ist, sieht man
auch daran, was er in der Kunst für wert hält.

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