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DIE ENTWICKLUNG DER TECHNIK
DER ÖLMALEREI VOM MITTELALTER
BIS IN DIE NEUZEIT
Unter diesem Titel veröffentlichte der Münchener
Professor Dr. A. Eibner in der Beilage der Münchener
Neuesten Nachrichten eine interessante, aufschlußreiche
Studie, in der er etwa folgendes ausführt
: Die Kenntnis der Maltechnik geht innerhalb der
Künstlerschaft immer mehr zurück; die Materialkunde
, eine der Grundlagen der Maltechnik im umfassenden
Sinne des Wortes, ist auf ein Minimum
herabgesunken, der alte Satz »Das Material schafft
den Stil« ist vergessen worden, aber dieses Vergessen
blieb nicht ohne die nachteiligsten Folgen:
der Mangel an Materialkunde, der in der neuen
Zeit verspürbar ist, hat falsche technische Stile
in der Oelmalerei hervorgebracht. Im Mittelalter
gab es jenen Stil der Oelmalerei, der aus empirischer
Kenntnis des physikalischen und chemischen
Verhaltens der Bindemittelmaterialien beim
Auftrocknen und Lagern hervorging. Er bildete die
solide materialtechnische Grundlage des handwerklichen
und künstlerischen Stiles der Malerei jener
Zeit. Seine Signatur war die Anwendung dünner,
gleichartiger Farbschichten; diese eine notwendige
Konzession an den natürlichen
Trockenprozeß der fetten Oele. Die heutigen
rein künstlerischen Stile der Oelmalerei
sind im Gegensatz zu den mittelalterlichen
zumeist frei von Rücksichten
auf die Beschaffenheit des Materials und
legen fast ausschließlich Gewicht auf die
unmittelbare Verkörperung der künstlerischen
Idee ohne Hemmung der Inspiration
. . . Die moderne Kunstmalerei entwuchs
also der etwas handwerksmäßigen,
vorwiegend materialtechnischen Schulung
der mittelalterlichen Meisterschulen und
Handwerksgilden, besonders unter dem
Einfluß der zu Ende des 16. Jahrhunderts
durch Ludovico Agostino und Annibale
Caracci begründeten Academia degli In-
camminati, in welcher die mittelalterliche
materialtechnische Propädeutik des Malens
durch eine philosophisch-künstlerische ersetzt
wurde. Wenn heute ein hervorragender
Maler außer seinem künstlerischen
Können auch großes materialtechnisches
Wissen besitzt und anwendet, so wird
daraus viel Rühmens gemacht. Im Mittelalter
war das selbstverständlich. Einige
Stellen aus Ch. Dalbons vortrefflichem
Buche »Les origines de la peinture ä l'huilec
(Paris 1904) beweisen überzeugend, daß
die mittelalterlichen Künstler eine Kenntnis
der Rohmaterialien besaßen, wie sie
heute selten vorkommt. So lautet einer
der Artikel einer Genter Malergilde aus
dem 14. Jahrhundert folgendermaßen: »Für
jedes Bild, das mit reinem Azurblau oder
Grün gemalt sein muß und bei dem die
Gildenmeister oder die Jury festgestellt
haben, daß dabei unrichtige Materialien
verwendet wurden, ist der Meister, der es
malte, gehalten, 10 Pfund Buße zu zahlen.<
In den Statuten der Malergilde von Siena
vom Jahre 1355 findet sich folgender Satz:
>In der Kunstmalerei darf nicht unbesonnen
gearbeitet werden; es ist ferner verboten,
falsches Silber oder Gold zu verwenden,
oder andere Farben als vertragsmäßig zulässig
sind, wie stark legiertes für feines Gold, Zinn
für Silber, Biadeti oder Indigo für Azur, Terra Rossa
oder Mennige für Zinnober etc.« — Diese Satzungen
beweisen u. a., daß die Technik der Herstellung eines
Gemäldes damals weitgehend durchgebildet war, daß
ein vollkommenes System derselben zu dem Zweck
angewendet wurde, die Haltbarkeit der Bilder zu gewährleisten
. Wenn Albrecht Dürer z. B. die Haltbarkeit
seiner Bilder auf Jahrhunderte hinaus voraussagte
, so sehen wir diese Voraussage heute erfüllt.
(Eibner denkt hier wahrscheinlich an den Brief
Dürers an Jacob Heller vom 26. August 1509, wo
es heißt: >Ist auch (die Tafel, das Gemälde) mit
den besten Farben gemacht, als ich sie hab mögen
bekommen. Sie ist mit guter Ultramarin unter- uber-
und ausgemalt, etwa 5 oder 6 mal. Und da sie schon
ausgemacht war, hab ich sie darnach noch zwiefach
ubermalt, uf daß sie lange Zeut währe. Ich weiß, da
Ihr sie sauber halt, daß sie 500 Jahr sauber und
frisch sein wird.«) Heutzutage kann der Künstler
aus zwei Gründen keine Garantie für die Haltbarkeit
seiner Bilder geben. Zunächst weil er die Eigenschaften
der Materialien zu wenig kennt, und dann
weil der heutigen Technik der Oelmalerei das frühere
handwerkliche System fast gänzlich fehlt und nur
mehr auf künstlerische Wirkung hin gearbeitet wird.
RICH. HOELSCHER KORBTRÄGERIN
Ausstellung Darmstadt 1908
95
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