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^=^> ARTUR KAMPF <^=^
A. KAMPF
BRUCKENBAU
Man kann ihn, ohne willkürlich zu verfahren
, weder zu den Akademikern des alten
Schlages noch zu den Impressionisten rechnen.
Proben eines starken, eigenartigen Maltalents
hat er in farbigen Skizzen und Studien (vgl.
Abbildungen) gegeben, in denen er Eindrücke
des Augenblicks, Impressionen, festlegte. Bildern
, wie den beiden Sängerinnen, wird niemand
Mangel an malerischen, stofflichen Qualitäten
, Stoffe charakterisierenden Farben, bei
hervorragender Tonschönheit des Ganzen nachsagen
wollen. Dabei zeigt gerade das genannte
Bild, daß der Gegenstand und das Psychologische
daran den Künstler nicht gleichgültig
ließ. Das vollkommene Aufgehen des Inhaltes
in der Erscheinung und der Erscheinung
im Inhalt ist überhaupt ein Kennzeichen der
Kampfschen Kunst. So wenig Kampf die
Schwierigkeiten zu scheuen braucht, die sich
einer malerischen Bewältigung der Welt im
impressionistischen Sinne entgegenstellen, so
wenig erblickt er in der Lösung dieser einen
Aufgabe das Endziel der Malerei. Er verschmäht
es, nur „Maler" zu sein, wo die Aufgabe
vom Künstler mehr als eine, wenn auch
noch so individuelle, Wiedergabe der farbigen
Erscheinung fordert. Bei Porträt- und Geschichtsbildern
gehört aus diesem Grunde sein
Interesse der Form und ihrer Wiedergabe durch
die Zeichnung; er bevorzugt sie vor der Farbe,
wenn sie ihm größere Freiheit gibt, dem
psychischen Gehalt des Gegenstandes nachzukommen
und opfert sogar die Farbe, wo
der Verzicht eine Steigerung des Ausdrucks
bedeutet. Die Charakteristik und der Reiz
seiner Zeichnungen liegt in der Kraft und
Sicherheit der Linie. Die Porträtstudien (vgl.
Abbildungen) sind Meisterwerke in der psychologischen
Durchdringung der Form, bei seinen
Aktstudien bilden die Hervorhebungen des
Knochenbaus, der mechanischen Funktionen
des Körpers die Hauptmotive für die Darstellung
der menschlichen Figur. Der Kontur
des Ganzen und der Innenformen bezeichnet
schon alles Charakteristische in Verkürzungen
und Ueberschneidungen; Licht und Schatten
geben, mehr angedeutet als dargestellt, weniger
die zufällige Beleuchtung, als sie den Organismus
betonen. Zu dieser Grundlage kann
dann die Farbe in mehr modellierendem oder
dekorativem Sinne hinzutreten, ohne die plastische
Deutlichkeit zu vermindern.
Es leuchtet ein, wie der Künstler bei solchen
Anlagen freudig die Gelegenheit be-
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