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-*-4^> BERLINER AUSSTELLUNGEN <^=^
a. kampf deutsche mönche verbreiten das christentum in polen
Man beschuldigt die naturalistische Kunst
der Gemeinheit. Aber man vergißt, daß es
gerade das Merkmal der Menschen mit den
groben Sinnen ist, nur an dem Gefallen zu
finden, was neu, sauber, rosig und von falschem
Glänze ist. Es braucht eine sehr verfeinerte
Kultur, um die Schönheit der täglichen
Arbeit, die Größe des gemeinsamen
Daseins zu erfassen. Doch ist es nicht eine Torheit
, sich einzubilden, der Realismus schließe
das Ideal aus? — Nichts ist irriger. Wenn
Rembrandt einen Arbeiter mit rauchgeschwärztem
, gefurchtem Gesicht malt, so genügt es
ihm, einen Lichtstrahl auf die Stirn herabfallen
zu lassen und das Auge unter der
buschigen Braue zu vertiefen, um Geheimnis
über diesen Geringen zu senken. Nein, in
der Kunst besteht keine feste Grenze zwischen
dem Realen und dem Idealen. Es gibt
keinen großen Künstler, der sich nicht beständig
auf die Beobachtung gestützt, der
nicht vor allem die kraftvolle und vertraute
Wirklichkeit des Daseins übertragen hätte.
Keinen großen Künstler auch, der bei Gestaltung
des Sichtbaren und Fühlbaren nicht
das rätselvoll heilige Beben zum Ausdruck
gebracht hätte, das alle Dinge umhüllt! Wird
also das Nackte ohne zweideutige Absicht
behandelt, so gibt es nichts Schöneres auf
der Welt und folglich nichts Moralischeres!
BERLINER AUSSTELLUNGEN
"Pvie Ausstellung der Belgier in der Secession hat
*-* die auf sie gesetzten Erwartungen nicht getäuscht
, ja übertroffen. (Wir werden sie an anderer
Stelle ausführlich besprechen). Anders die Aquarell-
Ausstellung in der Akademie der Künste. Natürlich
sind ausgezeichnete Werke vorhanden, aber
das Niveau wird durch sehr viel inferiore Arbeiten
stark gedrückt. Die Veranstaltung verdankt ihre Entstehung
der Initiative des Kaisers, der aus seinem
Privatbesitz auch den Inhalt der drei ersten Säle
hergeliehen hat. Eine bunte Reihe von sehr verschiedener
Qualität. Im übrigen hat man getrennt
zwischen Werken bereits verstorbener Künstler und
denen von Mitgliedern und Gästen der Akademie.
Der Spielraum also war groß. Woran liegt's, daß
dabei trotzdem nichts Bedeutendes herausgekommen
ist? Sicherlich nicht an der Geschicklichkeit der
Leitung; das Uebel scheint tiefer zu liegen: uns
fehlen die hervorragenden Aquarellisten, wie sie
etwa England in reicherem Maße besitzt. Das Aquarell
wird bei uns eben nur als Kunst zweiten Ranges
aufgefaßt, gut zur Skizze, vortrefflich zu Reisestudien;
und es ist bezeichnend, daß sich in der ganzen Ausstellung
nur verhältnismäßig wenig Werke befinden,
denen man die innere Notwendigkeit ihrer Entstehung
in Aquarelltechnik glaubt, die nicht ebensogut
in Oel hätten gemalt sein können. Wenn einer, so
hat diesen Unterschied der Techniken Ludwig Richter
richtig erfaßt und angewendet. Von ihm sind
einige herzerfrischende Bildchen da, ebenso einzelne
köstliche Proben der Kunst Menzels. Passini,
der glänzende Beherrscher des Aquarells, erscheint
in seinen frühen Werken ungleich angenehmer wie
in den zu geleckten Bildern der Spätzeit. Ein ganzer
Saal ist den dem Kaiser gehörenden Landschaften
Eduard Hildebrandts eingeräumt. Ein Aquarellist
durch und durch, aber in Manier geraten; alles auf
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