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-s^> NEUE KUNSTLITERATUR <^=^
Berechtigung: Es soll und kann das Michelangelo-
Buch für jene gebildeten Deutschen werden, die ein auf
gründlichen Forschungen beruhendes Urteil über den
Künstler haben wollen, in dem sich die Renaissance
erfüllte und zugleich erschöpfte, die aber andererseits
diese Forschungen selbst nicht verfolgen können
oder wollen, da ihnen der gelehrte Apparat und das
nötige fachwissenschaftliche Rüstzeug fehlt. — In
sechs umfangreichen Kapiteln bewältigt Mackowsky
den mächtigen Stoff. Besonders gelungen ist das
zweite Kapitel, welches die Sixtinische Decke und
ihr tragisches Gegenstück, das Juliusgrab, behandelt;
bei dieser Gelegenheit werden auch die künstlerischen
Beziehungen Michelangelos zur Antike untersucht
. Ein heiteres Zwischenspiel ist das vierte
Kapitel, das den Meister in seiner vornehm-herben
Menschlichkeit vorführt, ihn im Kreise seiner Freunde
zeigt, die edle Gestalt der Vittoria Colonna geistvoll
charakterisiert und für Michelangelos Lyrik feinsinnige
Deutungen findet. Das letzte Kapitel endlich
ist dem Architekten Michelangelo gewidmet und
bringt eine tiefschürfende ästhetische Auseinandersetzung
zwischen ihm und Bramante. — Die Ausstattung
des Werkes, zumal die illustrative, ist ganz
vorzüglich. G. j. w.
Markus Zucker, Albrecht Dürer in seinen
Briefen. Leipzig, B. G. Teubner. Geb. in Leinwand
2 M.
Zur historischen Orientierung über einen alten
a. kampf
Meister dient nichts besser als die Kenntnis seiner
näheren Umwelt. Aus ihr heraus spricht seine
Kunst unmittelbar und überraschende Aufschlüsse
bieten sich uns dar. Ich habe den Eindruck, daß
der, dem Dürers Briefe, überhaupt sein gesamter
schriftlicher Nachlaß bekannt ist, mit viel zuverlässigerer
Kritik auch vor das Werk des Künstlers
tritt. Eine gewisse Kleinbürgerlichkeit und geistige
Enge, die man vor Dürers Werk besonders dann
verspürt, wenn man von der Großartigkeit Michelangelos
oder der feierlichen Grandezza Tizians herkommt
, wird einem sofort begreiflich, wenn man
Dürers Briefe (besonders die an Jacob Heller in
Frankfurt a. M.) gelesen hat. — Ganz abgesehen von
den psychologischen Aufschlüssen, die sie uns für
das Werk des Künstlers geben, sind diese Briefe
aber auch als rein menschliche Dokumente interessant
, und als kulturhistorische Denkmale würden
wir sie begrüßen, wenn auch ihr Schreiber nicht
der Träger eines der teuersten deutschen Namen
wäre. Diese billige, kleine Ausgabe der Dürer-
Briefe, die sich auf die große Ausgabe des Dürer-
schen schriftlichen Nachlasses, veranstaltet von
Lange und Fuhse, stützt, ist darum sicher vielen
willkommen. Die Einleitungen und Anmerkungen
sind sehr geschickt und bereiten auf die Leckerbissen
der Briefe selbst, die in ihren alten, originellen
Wort- und Schreibformen beibehalten sind,
gut vor. Mit besonderem Genuß habe ich wieder
die köstlichen Briefe Dürers aus Venedig, die an
Willibald Pirkheimer gerichtet sind, gelesen
. Wie sprudelt da Lebenskraft und
Schaffensfreude! Und daneben muß man
etwa das abgeklärte, fast schon ein wenig
müde und resignierte Altersschreiben
stellen, das Dürer, ein Jahr vor seinem
Tode, an den Rat der Stadt Nürnberg, an
die »fürsichtigen, ehrbaren, weisen, lieben
Herren« richtete, und in dem er ihnen
seine vier Apostel zum Geschenke darbot.
— Schon dieser Briefe wegen, zu denen
natürlich noch zahlreiche andere, auch
einige an Dürer gerichtete, treten, soll man
sich das hübsche, mit Dürerbildern nicht
übel geschmückte Büchlein kaufen, g.j.w.
Joseph Braun, Die Kirchenbauten
der deutschenjesuiten. Erster
Teil: Die Kirchen der ungeteilten rheinischen
und der niederrheinischen Ordensprovinz
. Freiburg i. B., Herdersche Verlagshandlung
, 1908. M. 4.80.
Diese Abhandlung ist ein willkommener
Beitrag zur Kunstgeschichte des 17. und
18. Jahrhunderts, sie erforscht ein wenig
beachtetes oder stets etwas vorurteilsvoll
angesehenes Gebiet und rückt es ins rechte
Licht, bleibt dabei aber erfreulich objektiv
und sachlich-nüchtern und verzichtet auf
die selbstgefällige Begeisterung, mit der
sonst »Entdecker« ihre neue Weisheit in
die Welt hinausposaunen. Es werden 18 Jesuitenkirchen
im Westen und Nordwesten
Deutschlands kritisch analysiert und dann
in einem sehr unterrichteten Schlußkapitel
über >Die stilistischen und architektonischen
Eigentümlichkeiten der Jesuitenkirchen
« auf einen gemeinsamen Nenner gebracht
. Neben einigen neuen Anmerkungen
zur Entwicklung des sogenannten Knorbel-
ornaments kommt bei diesem Fazit namentlich
die interessante Tatsache heraus,
daß im nordwestlichen Deutschland die
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