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PETER STACHIEWICZ
SELBSTBILDNIS
PETER STACHIEWICZ
Von M. von Gorski
Peter Stachiewicz wurde am 29. Oktober
1858 in Nowosiolki Goscinne (Galizien)
geboren. In Lemberg absolvierte er Gymnasium
und Polytechnikum. Wie Joseph von
Brandt, wie Julian Falat, wie der 1907 verstorbene
Johann von Stanislawski gehört er
also zu der großen Legion polnischer Maler,
die den technischen oder mathematischen Studien
entflohen sind, um sich der Kunst zu
widmen. Seit 1877 bis 1882 studierte er in
der Krakauer Kunstschule, an deren Spitze
damals der berühmte Jan Matejko stand. Darauf
brachte er zwei Jahre in der Münchner
Akademie unter Prof. Seitz' Leitung zu. Nach
einer italienischen Reise ließ er sich in Krakau
nieder, wo er bis jetzt wohnt. Seit 1902
besitzt er jedoch ein zweites Atelier in München
, wo er die Hälfte eines jeden Jahres
zubringt.
Volkstümliches, Sagenhaftes, Dichterisches
hat ihn von jeher angezogen. Das patriotische
Element spielt bei ihm keine unbedeutende
Rolle, das religiösmystische und mythische
klingt aber am häufigsten und am
innigsten. Ist es ein bloßer Illustrator und
wäre dies der Grund, warum er öfter zur
Kreide als zum Pinsel greift, mehr grau in
grau als farbig malt? Nein, doch läßt es
sich nicht leugnen, daß er nicht selten die
Themata seiner Werke aus Dichtungen und
Volkslegenden schöpft. Je frömmer, naiver,
duftiger die letzteren sind, desto lieber, näher
sind sie ihm. Die Mutter Gottes führt selbst
die armen Seelen durchs Fegefeuer, um ihre
Leiden zu lindern. Sie hängt die eben gewaschenen
Windeln ihres Sohnes auf, ein Sonnenstrahl
wäre jetzt erwünscht und sieh, da
bricht schon einer durch die Wolken: seitdem
erscheint die Sonne an ihrem Tage, am
Sonnabend wenigstens einmal. - Als Maria
in großer Eile, am schwülen Mittag nach
Aegypten flüchtet, ergreift sie Mitleid für
den Esel, der sie und das Kindlein trägt, sie
macht Halt und läßt ihn aus dem Bache
trinken, der quer über den Weg rinnt. —
Die Lerche wurde durch den Schmerz des
Gekreuzigten so gerührt, daß sie den ärgsten
Dorn aus der Marterkrone, denjenigen, der in
Die Kunst für Alle XXIV. 6. 15. Dezember 1908.
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