http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_19_1909/0180
I. DIE MUSE
Ja, alle Hemmnisse sind überstanden! Wie lang- auch der Kampf, wie schmerzvoll auch das
Ringen nach Freiheit sein mochte, alles ist schon verschmerzt, für heute und morgen vergessen. Jetzt
gilt's nur der Kunst zu leben, die Bahn ist frei und Mut ist halber Sieg. Von allen Seiten erschallen
Mahnrufe, des Künstlers Leben sei nur ein stets zu wiederholender Kampf mit seinem innersten Drange,
mit dem Schicksal, mit der Menge. Dieses Geschrei ist erbarmungslos und — zwecklos. Mögen den
von äußerlichen Fesseln befreiten Künstler Neid, Haß und Unsinn verfolgen, sobald er, seiner selbst
bewußt, seine ganze Persönlichkeit, sein Heiligstes, durch niemanden anderen ausdruckbares, intimes
Gut aussprechen darf, was kümmert ihn Spott und Pöbel? Das ist ja alles sterblich, ewig ist nur das
einfach, ernst und edel vor der Welt, nicht für die Welt, enthüllte Gefühl. Inmitten solcher Träume erscheint
dem jungen Künstler in der winzigen Mansardenstube das erste der „Ateliergespenster", die
vielverheißende Muse, der ersehnte Ruhm. Eine laubbekränzte weibliche Gestalt, halb Mädchen, halb
Frau. In der Linken trägt sie einen Lorbeerkranz, wovon ihr aber schon jetzt ein Zweig zur Erde fiel.
Mit der Rechten weist sie auf ein großes, auf der Staffelei stehendes Gemälde. Ich glaube es in Stachie-
wicz's Werkstätte gesehen zu haben: es ist ein Gang zum Kirchhof. Doch wie entfernt ist heute der
Tod! Wie viel Leben wird man den künftigen Bildern einhauchen, wie viel Blut den erträumten Menschen
einflößen dürfen und können. Ein polnischer Dichter sagt vom Ruhme: wenn man ihn erobert
hat, kann man ihn unter die Füße einer Frau legen, damit sie darauf nach Herzenslust stampfe. Ein
anderer: Ruhm ist ein schönes Ding, wert, durch Mühe zu erringen. Taten bringen Glanz und Licht
dem Vaterlande. Und der Franzose, Vauvenargues, lispelt dazu: Die Glut der Morgenröte ist nicht so
süß, wie die ersten Blicke des Ruhmes.
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