http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_19_1909/0183
IV. VERZWEIFLUNG
Gibt es im Leben eines wahren aufrichtigen Künstlers nie eine Stunde vollen freudigen Schaffens ?
Hat er nie an einem feierlichen Tage das Gefühl, Gesandte aus fernen Landen könnten an seine Tür
klopfen, um ihn zur Lorbeerkrönung auf dem Kapitol einzuladen — und er, der eifrig Wirkende, würde
den hohen Herren die Tür doch nicht öffnen, da er eben jetzt in Glut und Wonne schafft? Stachiewicz
scheint das nicht anzunehmen. Eine triumphierende Nike im Vollgefühl ihrer Macht, ein Weib so schön
und siegesbewußt, wie nur antike Göttinnen es sind, trat nie in seines Malers Heim. Auf Kränze kommt
es hier nicht an, es heißt die „welke Brust" mit Stolz und Mut zu erheitern, zu erheben. Dem Künstler
Stachiewicz's wird Eins nie gegönnt: die Freude am vollendeten edlen Werke, das seiner Seele entspräche
, sie auszudrücken vermöchte, das ihn beruhigte, das Höchste ihm brächte: den „Lohn, der reichlich
lohnet".
Wir wissen zwar, daß der Maler Kränze geerntet hat, da eine bösartige Furie mit Schlangenhaar
die Blätter daraus mit höhnischer Miene herausreißt. Ein arger wilder Windsturm scheint in der
Werkstatt gehaust zu haben. Die Staffeleien wurden umgestürzt und liegen elend am Boden. In
einem Winkel haben sich Blindrahmen mit aufgespannter Leinwand versteckt.
Wird wohl der Künstler in dieses verwüstete Atelier je heimkehren? Wird er den Mut und
die Lust haben, die Staffeleien nochmals aufzurichten ?• Ich glaube es kaum. Die Lorbeerbäume
wuchsen und blühten ja nur deswegen, um vor ihm kahl, entblättert zu erscheinen.
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