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VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN <^=^
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PETER STACH IEWICZ
ZEICHNUNG
zu schleimig und quallig malte, jetzt aber hat er
auch für seine Akte den rechten Ausdruck gefunden
; das Straffe, Muskulöse und Sehnige, aber
auch das Mollige, Weiche, Zitternde eines Frauenkörpers
bringt er vorzüglich heraus — täusche ich
mich nicht, so hat er in dieser Hinsicht manches
von Besnard gelernt. Auch von seinem Freunde
Walter Püttner kam ihm vielleicht manche Anregung
in den letzten Jahren, aber wohl weniger mit Beziehung
auf die Fleischmalerei als auf die Stoffmalerei
und die allgemeine Farbenkomposition. Von
besonderer Art sind Putzens neuere Stilleben: zumeist
ein Kaffeetisch mit Weiß und Gold als dominierenden
Farben ist vors Laubgrün des Gartens
gestellt und von zuckenden, lustigen Sonnenflecken
übergössen. Die eminente Meisterschaft des Künstlers
in der Abwandlung von Weiß kommt hier in
ganz hervorragender Weise zum Ausdruck. Einige
Bildnisse junger Frauen und Mädchen, ein vorzügliches
Freilichtstück eines blonden Halbakts in der
Morgensonne, märchenhafte Grotesken etc. vervollständigen
die schöne Kollektion, die einen Künstler,
auf den wir von jeher große Stücke gehalten, auf
den besten Wegen zeigt. — Die Ausstellung von
Bildern und Studien Karl Seilers im Kunstverein
vermittelte uns die Bekanntschaft mit einer früheren
Arbeitsperiode dieses Künstlers, der uns seit einem
Jahrzehnt etwa als spitzpinseliger Feinmaler, der
über eine zwar delikate, doch etwas sparsame Palette
verfügt, bekannt ist. Diese früheren Arbeiten Seilers
sind malerisch zweifellos wertvoller als seine
heutigen, obwohl ihm auch jetzt noch ein Bild, wie
das des alten Fritz, der umgeben von seinen Generalen
in die Schlacht reitet, mit gutem Gelingen
und verhältnismäßig tiefer Eindrucksfähigkeit leicht
vom Pinsel geht. Doch erreicht er nicht mehr die
warme, saftige Leuchtkraft der Farbe, die z. B. seinen
»Hellebardier«, ein ganz wundervolles Bildchen vom
Jahre 1876, auszeichnet. Hervorragendes legt er uns
auch in seinem sehr reichen Studienmaterial vor.
Ich denke dabei weniger an die etwas matten, sonnenarmen
Landschaften als an die warmtönigen, traulich
dämmerigen Interieurs aus Tirol und aus lieben
bayerischen Nestern, aus Bauernstuben, Werkstätten,
Klosterbibliotheken, Zopfkirchen und Barockschlössern
. Die Interieurmalerei stand, wie uns verschiedene
Kollektionen der letzten Jahre lehrten, indem
München der sechziger und siebziger Jahre auf einer
außerordentlich hohen Stufe und wurde mit einer Lebhaftigkeit
kultiviert, die an den Eifer der Modernen gemahnt
, wenn sie die Landschaft und das Freilicht in
temperamentvollen Ausschnitten für ihre Studienmappen
festhalten. — Seiler wählte sich die Motive seiner
Bilder mit Vorliebe aus der Geschichte des alten
Fritz; wenn er ihn auch nicht mit dem weltgeschichtlich
weiten Blick Menzels auffaßte, so erkannte er
doch seine Größe und wußte sie mit Bedeutung im
Bilde wiederzugeben: so ist z. B. eine Szene, die
den großen König an ein Wachfeuer tretend darstellt,
mit begeisterndem Temperament hingeschrieben.
Die Kunst für Alle XXIV.
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