Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 19. Band.1909
Seite: 166
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_19_1909/0217
-b-4^> GOTTLIEB SCHICK IN ROM <§^~

Als Schick sein erstes großes Gemälde,
das „Opfer Noahs", vollendet hatte, brachte
er es im Pantheon zur Ausstellung, nachdem
der preußische Gesandte ihm geholfen hatte,
eine für die damaligen römischen Machthaber
sehr bezeichnende Schwierigkeit zu überwinden
. Die Kanoniker der Kirche nahmen nämlich
bei der vorausgehenden Besichtigung des
Bildes an dem unbedeckten Busen einer Tochter
Noahs Anstoß und verweigerten die Zulassung
in die heiligen Hallen; vielleicht lag
der tiefere Grund ihrer Abneigung in dem
protestantischen Bekenntnis des Künstlers,
denn sonst ist in römischen Kirchen nie Mangel
an künstlerischen Nacktheiten gewesen,
selbst nicht an entblößten Madonnenbusen.
Humboldt legte sich ins Mittel und bewirkte,
daß das Gemälde endlich zugelassen wurde,
nachdem Schick der Tochter Noahs ein Schleiertuch
um die Büste gemalt hatte. Es war im
Juli 1805; der Erfolg der Ausstellung war
für den in Rom noch wenig bekannten Künstler
sehr erfreulich, die dortige Presse war
des Lobes voll, italienische, französische und
englische Fachgenossen geizten nicht mit einmütigem
Beifall, nur die Landsleute Schicks
zeigten sich hier wie so oft im römischen
Künstlerleben uneins und kleinlich. Unter
den Deutschen bildete sich sofort eine Partei
der Mißgünstigen, die kein gutes Haar an dem
Bilde ließen, während andere es mit desto
größerem Eifer priesen. Schick hat wohl durch
sein Verhalten, durch starke Selbstgefälligkeit
und durch Fernbleiben von den burschikosen
Vergnügungen der deutschen Kama-
raderie, selbst viel dazu beigetragen, sich mißliebig
zu machen; hat doch sogar der wackere
Joh. Christian Reinhart ihn mit Spottversen
und Zeichnungen verhöhnt, die Schick allerdings
nicht unerwidert ließ. Durch den Erfolg
der Ausstellung des Noahbildes wurden
die Gegensätze verschärft, bis sie zu einem
häßlichen Ausbruch führten, wie man deren
in der Geschichte der deutsch-römischen Kolonie
leider nicht selten begegnet. Die Partei
Schicks wurde durch das abfällige Urteil erbittert
, das Aug. von Kotzebue in seinem gerade
erschienenen italienischen Reisewerk über
„NoahsDankopfer" abgab, welches er Ende 1804
in Rom unfertig gesehen hatte. Da sie den
Verfasser nicht mehr zur Hand hatte, so entlud
sich ihr Zorn auf den Bildhauer Schweickle
aus Stuttgart, der Kotzebue durch die römischen
Ateliers geleitet hatte und als sein Inspirator
galt. Schon im August 1805 verhängten
Schick und seine Freunde, Jos. Anton
Koch und Friedr. Dörr, ein tätliches Strafgericht
über den unglückseligen Schweickle, indem sie

ihn unter den heftigsten Verwünschungen mit
Knüppeln aus dem gemeinsamen Speisehaus
in Via Condotti vertrieben und bis zur Villa
Malta hinauf verfolgten. Der Hauptanstifter
scheint der derbe Koch gewesen zu sein, der
bei der Verfolgung des Opfers wenigstens die
tätigste Rolle spielte, während Schick seinen
Anteil an dem für das Deutschtum Roms beschämenden
Auftritt bald ernstlich bereute.

Der Künstler besann sich auf sein besseres
Ich und rüstete sich zu einer edeln Rache
an seinen Gegnern und Verkleinerern, indem
er unermüdlich an seiner eigenen Vervollkommnung
arbeitete und in der Stille seiner
Werkstatt neue Schöpfungen entstehen ließ,
die die früheren in Schatten stellten. Auf
sein großes Bild „Apollo unter den Hirten"
setzte Schick besondere Hoffnungen; im Sommer
1808 legte er die letzte Hand daran, und
der Besuch, womit ihn während der Arbeit
„ein bayerischer Bischof, der auch zugleich
Gesandter hier ist", überraschte, wurde für
den guten Erfolg entscheidend. Mit dieser
Verherrlichung der heidnischen Götterwelt
konnte Schick den Kanonikern des Pantheons
nicht kommen ; es war daher ein wahrer Glücksfall
für ihn, daß der gute alte Häffelin ein
ernsthaftes Interesse für seine Arbeit faßte
und ihm aus freien Stücken das eigene Gesandtschaftshotel
als Ausstellungsraum anbot.
Eine günstigere Stätte konnte der Künstler
kaum zu finden hoffen als diesen durch alte
Kunstschätze bekannten Patrizierpalast, dessen
Hof gar noch eine unvollendete Arbeit Michelangelos
beherbergte, den Wohnsitz eines Bischofs
und angesehenen Diplomaten am Ende
des Corso, wo täglich die ganze vornehme
Welt auf ihrer Spazierfahrt vorüberkam. Mit
Freuden griff Schick zu, wählte sich im Pa-
lazzo Rondanini einen Saal und zwei Zimmer
aus und richtete hier seine Sonderausstellung
ein. Das Hauptstück war die große Leinwand
mit 18 Figuren von mehr als halber Lebensgröße
: „Apollo unter den Hirten" in einer
reichen Landschaft; dazu kamen eine heroische
Landschaft mit Zentauren, eine kleine nordische
Landschaft, eine südliche Gegend bei Sonnenuntergang
, ein Christus, den Kelch segnend,
und drei Bildnisse der Familie v. Humboldt.
Der äußere Erfolg der Schau übertraf alle
Erwartungen des gewiß nicht kleinmütigen
Künstlers; auf 14 Tage Dauer war sie berechnet
, aber der Zudrang war so groß, daß
der Gesandte, der Freude an dem Triumph
Schicks hatte, selbst auf ihre Verlängerung
drang, und so währte sie vom 1. November
bis Neujahr. Sie trug ihrem Veranstalter
einige Ankäufe, neue Bestellungen und mehr

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