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^=^> GOTTLIEB SCHICK IN ROM <^=^
persönliche Beziehungen zur vornehmen Welt
ein, als ihm lieb war, sie bewirkte, daß der
französische Gesandte bei dem Vizekönig von
Italien die Erwerbung des Apollobildes anregte
, und machte in der römischen Kunstwelt
den noch nicht 30jährigen schwäbischen
Maler zum Helden des Tages. Der Ruhm,
nach dem er gestrebt hatte, war nun in der
Tat erreicht, und seine mütterliche Freundin
Karoline von Humboldt sagte nicht zu viel,
wenn sie an Charlotte von Schiller schrieb:
„Er ist ohne alle Ausnahme der erste Maler
hier." Die römische Fachpresse spendete dem
fremden Künstler rückhaltloses Lobund machte
dem Lokalpatriotismus nur das Zugeständnis,
daß sie seine glückliche Entwicklung dem
Studium unter römischem Himmel zuschrieb,
womit sie ja auch nicht ganz unrecht hatte.
Die Römer standen nicht an, zu erklären,
daß Schick ihrem Malerkoryphäen Camuc-
cini den Rang streitig machte, wie sie in
der Bildhauerkunst den Dänen Thorwaldsen
neben ihren Canova stellten. Waren die
italienischen Kunstkritiker vielleicht aus Gewohnheit
etwas überschwenglich in ihren Lobeserhebungen
, so blieben doch auch die angesehensten
deutschen Blätter jener Tage, wie das Cotta-
sche „ Morgenblatt", die,, Jenaer Allgemeine Literaturzeitung
", Zschokkes „Miszellen der Allgemeinen
Weltkunde" u. a. in anerkennenden
ausführlichen Besprechungen der Schickschen
Ausstellung nicht hinter der römischen Presse
zurück. Mit einem Wort, die Ausstellung im
Palazzo Rondanini war ein künstlerisches Ereignis
für Rom und für die Welt, die noch
gewohnt war, nach der ewigen Stadt als der
hohen Schule der Kunst zu sehen. Seit As-
mus Jacob Carstens seine klassischen Kartons
in Via Bocca di Leone ausgestellt, hatte Rom
auf dem Gebiet der Malerei nichts von ähnlicher
Wirkung erlebt. Carstens' Geist, sein
klassisches Empfinden und sein großer, edler
Stil wehten dem Beschauer auch aus Schicks
Werken entgegen; der Apollo erinnerte aufs
lebhafteste an Carstens' letzte Komposition,
das,, Goldene Zeitalter". Aber der junge Schwabe
konnte etwas mehr als jener, er hatte in Paris
Malen gelernt und verstand mit der Farbe zu
wirken, wo jener nur die Linie reden ließ.
So bezeichnete Schicks Werk einen glücklichen
Fortschritt in der deutschen Kunst. Die kunstgeschichtliche
Kritik mag heute von diesem
Werk nicht mehr so günstig denken wie die
begeisterten Zeitgenossen; sie vermißt, was der
alte Reinhart damals schon in seiner Karikatur
auf Schick andeutete, das eigene starke Leben,
die mächtige Schöpferkraft in seinen Kompositionen
, aber das darf uns nicht abhalten,
Schicks Wirken im Zusammenhang mit seiner
Zeit hoch einzuschätzen und nach hundert
Jahren der Ausstellung im Palazzo Rondanini
mit Genugtuung zu gedenken als einer ruhmvollen
Kundgebung des künstlerischen Genius
Deutschlands in Rom und als eines Marksteins
in der Geschichte der deutschen Kunst.
GEDANKEN ÜBER KUNST
Es hat beinahe den Anschein, als ob die mechanische
Reproduktion dessen, was existiert, heute das
letzte Wort bedeutet der malerischen Erfahrung und
des Könnens, und daß das Talent darin besteht, mit
einem gegebenen Ausdrucksmittel die Nachahmung,
die wörtliche Kopie mit möglichst vollkommener Genauigkeit
und Präzision zu erstreben. Jede persönliche
Empfindung ist vom Uebel. Was der Geist
erfindet, gilt als künstlich, und alles Künstliche,
alle Konvention, gilt als verbannt von einer Kunst,
die doch selbst wieder nur eine Konvention sein kann.
So entstehen jene Kontroversen, innerhalb deren die
Schüler der Natur die große Masse auf ihrer Seite
haben. Fromentin
CASPAR RITTER DIE RÄCHERIN
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