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^nS& DIE RUSSISCHE AUSSTELLUNG IN DER WIENER SECESSION
DIE RUSSISCHE AUSSTELLUNG
IN DER WIENER SECESSION
Tn der Secession sind jetzt moderne rassische Maler
*■ eingezogen, mit einer Ausstellung, die an Reichhaltigkeit
alle vorhergehenden übertrifft. Zu einem
vollständigen Gesamtbild ist sie nicht geworden,
denn es fehlen die Namen von einigen Künstlern,
die als führende gelten; doch hat die Secession vor
Jahren gelegentlich einer >nordischen Ausstellung«
unter andern schon Korowin, Wrubel und Somoff, der
seitdem öfter wiederkehrte, gebracht, so daß man empfindlich
nur Maljawin vermißt, gegen dessen unbändigen
Farbenlärm nicht leicht jemand aufkommt. Solchen
Ausbrüchen nationalrussischer Kraft, die man
hinter der bloßen Pinselgeschicklichkeit vermutet, begegnet
man hier freilich nicht, dafür aber überzeugenderen
Kundgebungen derer, die sich auf Grund
ihrer westeuropäischen Schulung oder in schroffer
Einfalt bemühen, aus dem Leben und der Geschichte
ihres Heimatlandes geholte Stoffe künstlerisch zu gestalten
. Damit will eine zweite Gruppe, die wir jetzt
erst kennen lernen, nichts zu tun haben; Tändler und
Anhänger des Neo-Impressionismus sind es, dem
beziehungslosen Farbenreiz ergeben. Ihnen allen,
welcher Richtung immer sie angehören mögen,
merkt man es an, daß sie in Paris oder München
studiert haben. Was sie dort sich aneignen konnten,
die Beherrschung des Technischen und ihren sichern
Geschmack zeigen O. Braz — ein Porträt ist in dem
Sonderheft »Russische Malerei« dieser Zeitschrift,
1906/7, März, abgebildet —, W. Dossjekin (Pariser
Nachtstücke in Whistlers Art), der Cezanne-Jünger
A. Gausch, die an Zügel gemahnende Frau Anna
Krüger Prachoff (Schlittenfahrt mit Renntieren),
A. Ssrjedin als Maler der historischen Interieurs
russischer Paläste. Der »Nikolskimarkt« von E. Lans-
sere und die auf pikante Silhouettenwirkung berechnete
Mondäne von L. Bakst, der fast allzu
vielerlei kann, weisen nach München. Während bei
diesen das kosmopolitische Element noch sich vordrängt
, sucht es B. Kustodjeff zu überwinden ;
seinen Weg lassen das Porträt eines Generals, das
aus Besnards früherer Zeit stammen könnte, und
ein russische breite Typen im Freilicht vereinigendes
Familienbild erkennen, dem an Urwüchsigkeit der
Charakteristik das Porträt zweier langhaariger Popen
nicht nachsteht, bei sichtlicher Vertiefung, die endlich
im »Dorffest« das bunte Treiben in einer langen
Gasse von Holzhäusern zu einer schönen dekorativen
Wirkung abdämpft. Ist dieses Hauptstück der
Ausstellung milde und heiter, so steigert sich der
»Pilgerzug« von W. Ssarubin zu düsterem Pathos,
denn in stummer Andacht strebt da ein Gewimmel
vielfarbiger Menschen den Felsenhügel zu der Kapelle
hinan, die weiß aufblinkt unter den über das Wasser
des Vorgebirges gebreiteten Wolkenschatten. Die
Pastelle von L. Pasternak, Kinderporträts und
»Tolstoi im Kreise seiner Familie«, leuchten warm
im rötlichen Lampenlicht. Als einer der Führer zu
einer ihrer nationalen Aufgabe sich bewußten Kunst
Die Kunst für Alle XXIV.
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