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dieses Vorwort durch die fesselnde Grazie der
Diktion auch nach der formalen Richtung als selbständiges
Kunstwerk auszugestalten, hat er sich im
großen Ganzen dankenswerterweise von der Erwägung
leiten lassen, daß Waldmüller ein besserer
Dienst erwiesen wird, indem man ihn von den Toten
erweckt als durch die Errichtung eines modernen
Monumentes. Das Lebenswerk des Altmeisters ist
in den mehr als 300 Nummern umfassenden, von
Chwala, dem Drucker der Wiener Werkstätte, mustergültig
hergestellten Reproduktionen erschöpfend
wiedergegeben. Die chronologische Anordnung der
Arbeiten führt uns höchst anschaulich vor Augen,
wie der Künstler, anfangs noch im Banne niederländischer
und anderer Vorbilder und später öfters
durch die Forderungen des praktischen Lebens von
seinem Wege abgelenkt, in der rückhaltlos wahrhaften
, unmittelbaren Naturwiedergabe seine Hauptstärke
entdeckt. Die reichhaltige Porträtgalerie enthält
— abgesehen von einzelnen Landschaften —
den wertvollsten Teil des Illustrationsmaterials, einmal
weil die Gesamtheit dieser verblüffend echten
physiognomischen Einzeldarstellungen eine einzigartige
Charakteristik der Wiener Biedermeierepoche
bildet, dann auch, weil gar manches Porträt von
der Qualität jener Bildnisse, die in der Berliner
Jahrhundertausstellung Aufsehen erregten, im Privatbesitz
von Sammlern der Oeffentlichkeit entrückt
ist. Erst in zweiter Linie interessieren die bekannteren
, meist im Geiste der Zeit anekdotisch zugespitzten
Genrebilder, zumal ja auch die beste
Wiedergabe nur einen schwachen Begriff von der
koloristischen Feinheit der landschaftlichen Hintergründe
und der modern anmutenden Lösung der
Beleuchtungsprobleme gibt, durch die Waldmüller
in seinen alten Tagen zum Vorläufer des Impressionismus
geworden ist.
Man mochte mit Recht bedauern, daß durch das
splendid ausgestattete, in 500 handschriftlich numerierten
Exemplaren herausgegebene Prachtwerk
Waldmüllers künstlerische Persönlichkeit doch nur
einem kleinen Kreise nahegerückt werden konnte.
Um diesem Uebelstande abzuhelfen, hat sich der
wagemutige Verlag vor kurzem zur Herausgabe
einer billigen Volksausgabe entschlossen, die nebst
Vorwort von Rössler 136 ganzseitige Reproduktionen
in erstklassiger Ausführung enthält. Diese Leistung
wurde allerdings nur durch die Munifizenz des k. k.
Ministeriums für Kultus und Unterricht ermöglicht,
welches dem Unternehmen in voller Würdigung
seiner Bedeutung für die österreichische Kunst eine
namhafte Subvention zuwandte. Aber auch außerhalb
des Vaterlandes F. G. Waldmüllers muß anerkannt
werden, daß durch die künstlerisch vornehm
gehaltene Wiedergabe des Lebenswerkes eines Bahnbrechers
moderner Malerei die Ergebnisse mühevoller
Vorstudien mit seltenem Takt und Geschick
der Oeffentlichkeit erschlossen worden sind.
Erich Felder
B
PERSONAL-NACHRICHTEN
ERLIN. Den letzten, sehr bestimmt auftretenden
Preßnachrichten zufolge soll Geheimrat von
Tschudi nun doch der Nationalgalerie erhalten
bleiben und nach Ablauf seines Urlaubs auf den
früheren Posten zurückkehren.
DERLIN. Dem Maler Franz Hoffmann von
Fallersleben ist vom Großherzog von Oldenburg
der Professortitel verliehen worden.
CASPAR RITTER IN SEINEM ATELIER
Redaktionsschluß: 17. November 1908 Ausgabe: 3. Dezember 1908
Für die Redaktion verantwortlich: F. Schwartz. — Druck und Verlag von F. Bruckmann A.-G. — Beide in München
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