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AUSSTELLUNG ZEICHNERISCHER KÜNSTE IN DER BERLINER SECESSION
AUSSTELLUNGZEieHNERISGHER KÜNSTE
IN DER BERLINER SECESSION
Die Secession hat die sechzehnte ihrer Ausstellungen
den zeichnenden Künsten gewidmet.
Wie im vorigen Sommer das Werk Leibis als Extragabe
beschert wurde, so hat man diesmal den Berliner
Franz Krüger, den Pferdekrüger, in den
Mittelpunkt der Veranstaltung gestellt. Der Grund
dazu ist nicht recht klar — aber wir freuen uns
jedenfalls, daß uns diese prächtige Persönlichkeit
des vormenzelschen Berlin so stattlich vor Augen
geführt wird. Und wenn auch die Fülle des Gebotenen
leicht etwas ermüdend wirkt. Die besondere
Atmosphäre
der Zeit und speziell
die in der Berliner
Gesellschaft
weht uns aus allen
diesen Porträtskizzen
überzeugend
an. — Ein ganzer
Saal ist den Künstlern
des Simpli-
cissimus reserviert
, und besonders
den Arbeiten
des frühverstorbenen
Rudolf Wil-
ke breiter Platz
eingeräumt. Seine
Porträtbüste von
E. Beyrer-München
wird manchen
Beschauer
überrascht haben,
der an Stelle eines
derburwüchsigen
Menschen einen
stillen, feinen, mit
einem Gemisch
von leisem Humor
und Scheu in
die Welt blickenden
Mann gefunden
hat. Die be- yy y
kannten Künstler
der Secession sind
alle mit meist sehr
guten Werken auf
dem Plan. Liebermann
mit einer
großen Reihe von
Radierungen, die
seine besten Qualitäten
zeigen; Ludwig v. Hofmann mit linienschönen
Pastellen; Baum mit pointillistischen Zeichnungen;
Slevogt mit seinen fabelhaft lebendigen Lithographien
zu »Sindbad der Seefahrer« und Zeichnungen
zu »Rübezahl« und »Coranna«. Von Edvard Münch
fällt unter anderen Lithographien sein Doppelporträt
von Leistikow und Frau auf, das seine hervorragende
Veranlagung zum Bildnis bezeugt. Seinen Farbenholzschnitten
liebt er durch die Maserung des Holzstockes
eine eigenartige Note zu geben. Sein Einfluß
wie der von Aubrey Beardsley ist natürlich
wieder bei einer großen Zahl jüngerer Künstler nicht
zu verkennen; daneben aber stehen doch verschiedene
Persönlichkeiten von ausgesprochener Originalität
. So Heinrich Zille, der moderne Historio-
graph Berlins (wenn auch im Gegensatz zu Krüger
nur von Berlin N. und O.), der seine Typen mit
JOSEPH DAN HAUSER
glänzender Sicherheit karikiert; so Ernst Stern,
der in seinen Zeichnungen zu Hoffmanns »Klein
Zaches« eine besondere kapriziöse Linienmelodie
erklingen läßt; so auch schließlich Ernst Barlach
mit seinen stilisierten Konterfeien russischer Bettler
und Armenhäusler, die in ihrer abstoßenden Häßlichkeit
direkt monumental wirken und sich als Geschwister
seiner scharfflächigen Plastiken ausweisen.
Das phantastisch visionäre Element ist durch Marcus
Behmer vertreten, sowie neben vielen anderen in
diesem »Genre« Arbeitenden durch Martin Brandenburg
, der dabei manchmal an die Größe Goyas
erinnert. Bei einer eingehenden Besprechung würde
noch mancher andere Künstlername anzuführen sein.
Zur.Charakterisierung der ganzen heutigen Strömung
aber kann ein Satz
aus dem Vorwort
des Katalogs dienen
, der gleichzeitig
als Bekenntnis
und Verteidigung
angesehen werden
kann: »Es wäre
ebenso ungerecht,
bei Krüger den
Geist Daumiers
oder Menzels zu
suchen, wie bei
Künstlern unserer
Zeit seine ruhige
Sachlichkeit«. —
Unter den ausgestellten
Plastiken
sindvieletreffliche
Arbeiten; wir nennen
nur Karl Al-
biker (Ettlingen),
Ernst Barlach,
Georg Kolbe,
August Kraus
und Walter Lobach
. Der junge
Gerh. Marcks
zeigt sich als recht
guter Tierbildner
aus der Schule
Gauls, und eine
Kollektivausstellung
von Kleinplastiken
in Steinguß
von der Hand des
Holländers Men-
des da Costa ist
geeignet,die größte
Aufmerksamkeit
zu erwecken. R.Sch.
STUDIE ZUM AUGENARZT
VON AUSSTELLUNGEN
UND SAMMLUNGEN
LiASEL. Seit der großen IX. National-schweizeri-
sehen Kunstausstellung haben bei uns mehrere
kleinere, recht interessante Kunstveranstaltungen
stattgefunden. Man sah da zunächst die vorzüglich gezeichneten
Illustrationen Eugene Burnands zu den
evangelischen Gleichnissen : jedes der zum Teil sehr
großen Blätter ein Zeugnis für Burnands klare Griffelkultur
, manches eine Art Offenbarung künstlerischer,
durch den Text angeleiteter Phantasie, dann und
wann eines auch weniger gelungen; immer aber
stand man unter dem Eindrucke, daß hier ein eigenartig
bedeutendes Illustrationswerk geschaffen sei,
welches auch in der Verkleinerung im Buche, das
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