Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 19. Band.1909
Seite: 234
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_19_1909/0293
-s-4^> JOHANNES BOSSARD <^*~

Modellierung der Mann und das Weib. Sie
kämpfen miteinander und lieben sich. Ist
Liebe ein anderes als Kampf? Ist Kampf
nicht überhaupt nur eine Form der Zuneigung
? Mit Menschen, die mir gleichgültig
sind, kämpfe ich nicht, und wen ich am
stärksten begehre, mit dem kämpfe ich am
meisten. Ein Funkenschwall ballt sich zwischen
den beiden. An den Seiten sind zwei
Gruppen: Werden und Vergehen. Dort Mann
und Weib in tiefster Umarmung, bei ihnen
ein Bambino; hier der sterbende Jüngling,
der im Zurücksinken von der Geliebten gehalten
wird. Wollust auch im Tode. Denn
was ist der Tod anders, als die ungeheuerste
Hingebung an das All? Das Werk ragt aus
der Erde. Auf der Erde vier Masken von
Riesen: die ewigen Bilder. Um den Sockel
herum, klein und beinahe als Nebensächlichkeit
: tausend Beschäftigungen der Menschen.
Merkwürdig ist auch das Material. Mann und
Weib sind aus tiefschwarzem Erz. Die Seitengruppen
aus Terrakotta, die vier Masken aus
Stein. Gerade diese Verbindung der verschiedenartigsten
Stoffe hat manchen befremdet.

J. BOSSARD

MUTTER UND K I N D (Z E I C H N U N G)

Aus „Tragödie des Daseins"

Und doch hängt hier das Material eng zusammen
mit der sinnlichen Idee. Die Hauptgestalten
sollen in ihrer ehernen Ruhe gerade
kontrastieren gegen die bewegten Seitendarstellungen
, und endlich sollen die Masken
unten nichts sein als ein Teil der steinigen
Erde. Leider ist das Werk bisher nur in unechtem
Material ausgeführt, da sich noch niemand
gefunden hat, der diese zeitlos mächtige
Schöpfung besitzen wollte.

Noch andere Arbeiten in Terrakotta schuf
damals der Künstler. Er hatte Vergnügen
gefunden an dem Material, das so prachtvoll
dem leisesten Händedruck gehorcht. So erwähnen
wir hier die schöne Mutter mit dem Kind,
die für einen Brunnen bestimmt ist (Abb. S.229),
und die ebenfalls als Brunnenfigur gedachte
Doppelbüste. Liegt über der Madonna seligste
Zärtlichkeit, so zeigt der Januskopf wieder das
furchtbar Geheimnisvolle. Aus den Sockelecken
sprudelt das Wasser in kleinen Rinnen
hervor aus der Urkraft entspringt alles.

Dann aber gedachte der Künstler sich endlich
einmal ganz auszubreiten, in einem großen
Zyklus gleichsam episch die Natur in der

Folge der Jahreszeiten und
das wechselnde Tun und
Treiben der Menschen abzuschildern
. So begann er
seinen großen Zyklus von
farbigen Lithographien „ Das
Jahr". 20 Blätter hiervon
hat Bossard bereits veröffentlicht
, 20 weitere etwa
stehen noch aus. Was er
zu sagen hatte, schwoll ihm
so über, daß er manchmal
auch selbstgedichtete Textworte
brachte, überdies ein
weiser Entschluß, weil er
hierdurch ferngehalten wurde
, etwas darzustellen, was
doch wohl nicht bildhaft dar-"
zustellen gewesen wäre. Es
geht natürlich nicht an, alle
bisher erschienenen Blätter
zur Abbildung zu bringen;
wir mußten uns mit einer
kleinen Auswahl begnügen.
Das Titelblatt (Abb. S. 225)
zeigt die Lebensalter frei im
mächtigen Raum auf der Erdkugel
stehend. Sonnenpfeile
schießen über die Luft. Und
im Hintergrund sind leise
und fein Leid und Not und
Glück und Sehnsucht der
Menschen angedeutet. Die

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