Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 19. Band.1909
Seite: 237-237
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_19_1909/0295
JOHANNES BOSSARD

Blätter: Der Sämann, Die Baumfäller und
der frierende, dürre Greis auf weitem Schneefeld
. Sehen wir in den Schnittern den prallen
Sommer, so werden wir hier in Frühling,
Herbst und Winter geführt. Im Sämann lebt
in gewaltigster Größe der Sturm der neu
werdenden Welt; auf dem zweiten Blatte fällen
im gelben Wald harte Männer eine riesige
Eiche; auf dem letzten Blatt weht die Verwesung
. Ein Meisterwerk der Farbe ist der
Sämann: hier steht wieder der bei dem Künstler
so beliebte Akkord grünblau und kräftig
rot, damit aber vereinigt sich dies fahrige,
flattrige Gelbgrün, das die Unreife des Frühjahres
so gut bezeichnet.

Auch außerhalb seines großen Zyklus hat
der Künstler farbige Lithographien geschaffen.
Die Lithographie mit ihrem starken Strich,
der aber nach Bedarf auch abgemildert werden
kann zu radierungsähnlichen verschwimmenden
Tönen, ist Bossard besonders gelegen
. Auch hat er hier die Möglichkeit,
farbig zu sein, ohne doch die großen Linien,
die heftige Kontur aufgeben zu müssen. Dazu
vermag die Steinzeichnung viele gute Abdrücke
zu liefern und erhält hierdurch von
vornherein etwas Weithinwirkendes, zum Volke
Sprechendes. Unter den Lithographien, die
dem Künstler so gleichsam nebenher entstanden
, ist eines der — sagen wir ruhig
das Wort — erhabensten Werke, welche die
neuere bildende Kunst kennt: der Sämann mit

der Frau, die den Zugstier führt (Abb. geg. S. 240).
Nenne man es Adam und Eva, die aus dem
Paradies vertrieben sind und nun glücklich —
ja glücklich — arbeiten und schaffen, nehme
man es ganz einfach als zwei Menschen, die
in der Morgenfrühe auf ihr Feld gezogen
sind — was sind alle Symbolismen bei einem
Kunstwerk, das aus der Anschauung gestaltet
ist, aber von selbst, eruptiv, zum Symbol
wird. Der Himmel brennt im ersten Feuer
des Tages, und über die glänzenden Schollen
ziehen sie alle drei dahin: der aufrechte Mann,
die große Gebärerin, in ihrer Fülle in sich
versunken, und der trottende, riesenmächtige
Stier, Fuß auf Fuß in die Erde schlagend.
Wie Morgenfrühe der ganzen Menschheit liegt
es über dem Bild, und als dienten Mann und
Frau und Stier nur dem Einen, dem Letzten,
dem Unfaßbaren: dem unbekannten Gott. —

Vor dieser in das Jahr 1904 fallenden Schöpfung
liegen die hier abgebildeten Lithographien
„Frühlings Einkehr" (Abb. s. oben),
„Krieger« (S. 226), „Tanz" (geg. S. 225) und
„Die Brücke" (S. 228), sämtlich aus dem
Jahre 1902.

„Frühlings Einkehr" ist ein schönes Beispiel
dafür, wie Bossard lyrisch werden kann,
ohne ins Sentimentale zu verfallen. Das ist
hier vor allem durch eine sehnige Hagerkeit
der Körper vermieden, die schön das Frühlingshafte
wiedergibt. Man bemerke zudem,
wie in dem Fries jede Stelle des Raumes aus-

236

FRÜHLINGS EINKEHR (FARBIGE LITHOGRAPHIE)

gefüllt ist, ohne daß doch der Eindruck der
Ueberladung entsteht, und ferner, wie glücklich
Ruhe und Bewegung der Gruppen zu
einander abgestimmt sind, wobei doch immer
der Friescharakter, das heißt: ein großer Bewegungszug
, gewahrt bleibt. Dieser starke
Bewegungszug findet sich auch in der „Brücke",
nur daß hier, dem kreisförmigen Ausschnitt
entsprechend, ein unaufhaltsames Fortschreiten
in der Runde dargestellt ist. Wie beachtenswert
, daß die äußere Form des Blattes durchaus
mit dem Inhaltlichen zusammengeht!

Aus dem so fruchtbaren Jahre 1902 sei noch
die umfangreiche Lithographie „Der Herbst"
(Abb. S. 231) erwähnt. Wir sehen ein Weinfest.
In einem riesigen Bottich, der mit Trauben
gefüllt ist, tanzt ein Mann und ein Weib in
wilder Erregung. Durch eine Oeffnung fließt
der Most hinaus. Ihn schlürft mit offenem
Munde ein auf der Erde sich räkelnder kolossaler
Kerl. Rings herum zechende Männer
und Frauen in animalischer Lust. Alles nackt.
Alles überglüht von einer fast brutalen Herbstessonne
. Das Blatt wird in seiner Drastik
nicht jedem angenehm sein. Aber das un-
gefesselt Dionysische dieser Naturmenschen
wird schließlich jeden mitreißen.

Ich übergehe manches, um noch ein paar
Worte über das enorme Gemälde des Künstlers
zu sagen, das auf der Großen Berliner
Kunstausstellung des Jahres 1908 zu sehen war.
Ich deutete schon vorhin an, daß alles Kleinliche
, Verschnörkelte und zu weit Gehende, das
Bossard sonst noch immer hier und da anhaftet,
in dieser „Tatkraft" verschwunden ist. Das
Werk (Abb. S. 64 u. 65), dazu bestimmt, eine
ganze Wand zu schmücken, besteht aus einer
Reihe von Abteilungen. In der Mitte, riesenhaft
groß, der Held der Erde; rechts und links
zunächst der wetterharte Schiffsmann und die
thronende Mutter, umgeben von den Kindern.
Weiterhin Hafen- und Schiffsszenen, auf denen
sich die Urkraft des nackten, tätigen Mannes entladet
. Dazwischen Pfeilerdarstellungen stehender
Arbeitsmänner und zwei etwas höhere,
gobelinartig wirkende traumhafte Tänze. Man
denkt unwillkürlich an jene fünf großen Fresken
, die Hans von Marees in der Neapeler
zoologischen Station gemalt hat — dieselbe
Gewalt der Wirkung, dieselbe Darstellung elementarster
Tätigkeiten. Prachtvoll ist auch bei
Bossard die Abwechslung heller und dunkler
Flächen, dadurch kommt Mannigfaltigkeit in
das Bild. Leider hat aber der Künstler bei
diesem ersten Versuch, auf malerischem Gebiete
mächtig monumental zu werden, das
Blutvolle aus der Darstellung hinausgedrängt.
Das Ganze hat etwas Kühles, Nüchternes, das
nicht recht begeistern kann. (Wie viel Leben
ist dagegen in der hier [Seite 240] reproduzierten
Studie zu dem einen tauziehenden Manne
des Bildes!) Ohne Zweifel wäre das anders,
wenn Bossard für dieses, eigentlich nur als
Fresko mögliche Bild eine Wand zur Ver-

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