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-^4^> HANS VON MAREES ~(^^
rungenen Besitzes teilhaftig werde, gilt jetzt
alles Trachten des Künstlers.
Das in den Fresken erreichte Resultat, das
manchem Besucher Italiens wie das schönste
Wunder Neapels erscheint, war für Marees
nur eine Station auf dem Wege zu höheren
Zielen. Er blieb von nun an in Italien. Bis
zum Herbst 1875 mit Hildebrand in Florenz,
wo sich die Freunde in dem alten Kloster
San Francesco, nahe den Toren der Stadt, eine
ideale Arbeitsstätte eingerichtet hatten; von
da an allein in Rom. In San Francesco entstanden
zahlreiche Bilder meist kleineren
Formats, die der Florenzer Anmut verwandt
scheinen, und Studien, unter anderem vier
im Freien gemalte Selbstbildnisse (eines von
ihnen ist hier S. 249 wiedergegeben), in denen
er einen Ausgleich zwischen dem erstrebten
starken Stil und seinem unerschöpflichen
Naturempfinden versuchte. Die bedeutendste
Schaffensperiode begann, als er Rom mit
Florenz vertauschte. In diesen letzten zwölf
Jahren näherte er sich immer mehr dem Ziel,
das er sich beim ersten Anblick Roms gestellt
hatte: eine Form zu finden, die der der
Alten an Würde und Kraft gleich käme, ohne
in Abhängigkeit von ihnen zu geraten. Seine
Vorbilder stiegen im selben Maße, als er
selbst an Reife gewann. Und das Merkwürdige
ist, daß er mit den neuen Vorbildern
nicht die alten einbüßte, sondern den immer
mehr geläuterten Extrakt ihrer ihm zugänglichen
Gaben mit dem neuen Gewinnst zu
verschmelzen wußte. Von Giorgione, Lio-
nardo und Michelangelo wandte er sich zu
der Antike. Er näherte sich dem erhabenen
Vorbild nicht wie die meisten Deutschen, die
vor ihm in Rom gewesen waren, als Entlehner
einer nie zu entlehnenden Schönheit, nicht als
Konturenzeichner wie die Klassizisten, nicht
als malender Bildhauer; sondern als zeitgenössischer
Instinkt, als ein zur Natur Entflammter,
der von hier aus eine Begrenzung seiner Begierden
suchte, ein Maß für die eigene Fülle.
Marees eroberte die Antike. Das soll nicht
heißen, daß er ihr Wesen annahm. Wer von
uns Spätgeborenen vermöchte es! — sondern
daß er sein eigenes Wesen so reinigte und
klärte, daß wir ihn klassisch nennen dürfen. Die
vier Dreiflügelbilder, „Die Hesperiden", die
HANS VON MAREES
Entwurf zu den Fresken in Neapel
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DIE AUSFAHRT (1873)
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