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-^=4=ö> HANS VON MAREES'LERN-UND LEIDENSJAHRE IN ITALIEN <ö^~
einen Brief erhalten werden, sehe ich öfter. Er
ist brav und fleißig, aber von einem fördernden
Einfluß Lenbachs auf ihn ist keine Rede.
Lenbach bekümmert sich künstlerisch eigentlich
gar nicht um ihn und gesellschaftlich hat
er ihn nur von allen hiesigen tüchtigen Künstlern
abgesondert, denn Lenbach und Andere
leben hier überhaupt nicht, als wären sie in
Rom, sondern als wären sie in München. Ich
muß gestehen, daß mir die nüchterne, spöttelnde
Art dieser Herrn hier in Rom einen
recht komischen Eindruck gemacht hat, und
für sie selbst ist sie jedenfalls recht unfruchtbar
. Marees, der, von seinen drückenden
Verhältnissen in München befreit, mehr und
mehr das Bedürfniß fühlt, sich harmloser zu
bewegen, befindet sich nicht ganz wohl in
dem Kreis, in dem er lebt, aber er ist zu
rücksichtsvoll, um dies auszusprechen, wie er
es mir, von dessen Aufrichtigkeit gegen ihn
er überzeugt ist, ausgesprochen hat. Er hofft,
wenn er von Florenz hieher zurückkommt,
mehr in das ihm zusagende Fahrwasser zu
kommen. Seine Copie nach Palma wird recht
hübsch, und ich freue mich um so mehr dies
sagen zu können, als das was er leisten wird,
ganz auf seinem eigenen Verdienst beruht."
Um Lenbach Gerechtigkeit widerfahren zu
lassen, muß man erwägen, daß er zunächst
für sich selbst zu streben und zu sorgen hatte,
und daß Marees sich zu seinem Schützling
oder Schüler nicht eignete. Auch seine Briefe
zeugen von künstlerischer Selbständigkeit und
Aussprüche wie: es komme beim Kopieren
eines Salvator Rosa auf Glück an, es handle
sich um eine freie Nachbildung, sind alles
andere eher als schülermäßig. Einerseits
wußte er und gab unumwunden zu, daß seine
Ausbildung als Maler viel zu wünschen übrig
ließ, andererseits hielt er die Tätigkeit des
bloßen Kopierens von Meisterwerken als seiner
unwürdig und zu wenig nutzbringend für seine
Eigenart. So hatte er denn auch während
seines ganzen Aufenthaltes in Rom nur ein
einziges Bild für die Schackgalerie kopiert,
als er am 7. Mai nach Florenz abreiste. Der
Eindruck, welchen die Stadt der Medicäer auf
ihn machte, spiegelt sich in seinem Briefe
vom 12. Mai 1865.
Hochgeehrtester Herr Baron!
„Es sind nun fünf Tage, daß ich in dem
reizenden Florenz bin, und die abermalige
Neuheit der Situation mag meine etwas späte
Anzeige entschuldigen. Den 2. dieses Monats
ist meine Copie von Rom abgesandt und wird
wohl kurz nach meinem Brief in München
ankommen. Die Transportkosten werden sich
höchstens auf 25—30 Fr.belaufen. Die Photographie
von Feuerbachs Bilde ist beigepackt;
derselbe wird in wenigen Wochen selbst nach
München kommen.
Der erste Eindruck von Florenz ist für mich
ein außerordentlich beruhigender; man sieht
hier deutlich, wie sich die Kunst der Renaissance
nachgerade zu ihrer Höhe emporgeschwungen
hat; die Folge davon ist, daß auch
die größten Meisterwerke dem Verständniß
näherliegen, daß man sie wirklich studieren
kann."
„Dieser Eindruck wird bestimmend auf meine
Kunstthätigkeit sein. Ich werde die hiesige
Kunst in einer solchen Weise auszubeuten
suchen, daß sie mich nicht allein belehrt,
sondern auch zu eigenen Thaten inspirirt. In
dieser Weise, geehrtester Herr Baron, habe
ich von Anfang den Zweck meines Aufenthaltes
in Italien aufgefaßt, sehe aber, daß
ich nachgerade denselben etwas aus dem Auge
gelassen habe.
Ich erkläre mir dies nun auf folgende Weise:
In Rom angekommen, war ich von Allem,
was ich sah, schier erdrückt, so sehr, daß
ich fast an meinem Berufe zur Malerei verzweifelte
, so daß mir vor der Hand nichts
anderes übrig blieb, als wenigstens meine
Pflichten gegen Sie zu erfüllen. Sie werden
selbst finden, daß eine solche Thätigkeit keine
sehr belebende und nutzbringende sein kann.
Hier haben nun auf mich einige Fresken von
Ghirlandajo und die Capelle der Mediceer
bis jetzt den größten Eindruck gemacht, so
daß ich beschlossen habe, die Köpfe, Figuren
u. s. w., die mir am meisten zusagen,
genau zu zeichnen, auch vielleicht, wo es
möglich ist, etwas mit Farben anzugeben.
Hierdurch habe ich nicht nur den Vorteil,
den Eindruck dieser Kunstwerke festzuhalten,
sondern auch den, die Natur besser kennen
zu lernen; denn, trete ich aus den betreffenden
Capellen hinaus, so sehe ich in unmittel-
barerNähe, vor den Altären, hinter den Pfeilern,
an den Thüren, dieselben Gestalten lebend,
die jene alten Meister gebildet haben. Kurz,
eine solche Arbeit hat einen poetischen Reiz,
während mirin den Gallerieen durch die herumschmierenden
Copisten - Schaaren die ganze
Malerei verleidet wird. Es ist keine Frage,
daß die feinsten Empfindungen, aus denen
allein feine Werke hervorgehen, durch die
sich zu sehr aufdrängende Prosa erstickt werden
müssen. Ich sehe wohl ein, Herr Baron,
daß ich Sie durch eine Anzahl regelrechter
Copieen für den Augenblick mehr befriedigen
würde; aber wo wird mich das zuletzt hinführen
? Ich werde nur immer mehr aus mich
selbst herausgerissen. Im andern Falle jedoch,
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