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NEUE KUNSTLITERATUR
PERSONAL-NACHRICHTEN -&~v~
des Rokoko und dem Renaissance-Venetianer Gior-
gione. — In eine andere Welt führt uns Hans W.
Singer, der die ungewöhnliche Kunst der Graphikerin
Käthe Kollwitz, einer Schülerin Stauffer-Berns, zu
interpretieren unternimmt. Anschließend an den
> Weberzyklus« und an den >Bauernkrieg«, die Hauptwerke
der Kollwitz, zieht Singer eine interessante Parallele
zwischen der Künstlerin und Gerhart Hauptmann,
die den Wert hat, wieder einmal die atmosphärischen
Zusammenhänge zwischen Kunst und Literatur aufzudecken
. Als besondere Vorzüge der Griffelkünstlerin
erscheinen ihrem Interpreten die vollendete Zeichnung
, die wahrhafte Ehrlichkeit und die weise Selbstbeschränkung
. Im übrigen gibt ihm der Essay noch
mancherlei Veranlassung, sich mit prinzipiellen Problemen
der graphischen Kunst auseinanderzusetzen.
G. j. w.
Kaufmann, Paul. Johann Martin Niederee. Ein
rheinisches Künstlerbild. M. 5.50. Straßburg, J. H.
Ed. Heitz (Heitz & Mündel).
Die Deutsche Jahrhundertausstellung zu Berlin
1906 hat manche halbverschüttete Quelle wieder
sprudeln lassen: zu Unrecht Vergessene wurden
aufs neue ins Leben gerufen. Auch Joh. Martin
Niederee, ein Rheinländer, Schüler der Düsseldorfer
Akademie und Schützling des Cornelius in Berlin,
war unter ihnen. Drei seiner Bilder sah man in
der Ausstellung. Sie bekundeten für ihre Zeit eine
auffallende koloristische Kraft, und es war da eine
erstaunliche Breite des Vortrags. — Diesem Künstler
ist das liebevolle Buch Kaufmanns gewidmet. Es
gilt in erster Linie dem überaus sympathischen
Menschen, den ein unerbittliches Geschick allzufrüh
der Kunst entriß: dreiundzwanzig Jahre alt, starb
er am 3. September 1853 zu Berlin an den Folgen
einer Verletzung, die ihm, damals Soldat im 2. Grenadierregiment
, durch
Unvorsichtigkeit bei ei- _
ner Schießübung beigebracht
worden war. Dieser
Lebenslauf liest sich
interessant wie eine Novelle
; dabei ist das Kulturkolorit
der Zeit mit
den religiös - romantischen
Schwärmereien im
Geiste Wackenroders, mit
der Düsseldorferischen
Kunst überschwenglichkeit
gut getroffen. Doch
ist auch das Ernstere und
Wichtigere, die Analyse
des künstlerischen Schaffens
Niederees, das Kenner
wie aus'm Weerth und
Hermann Grimm sehr
hoch ein werteten, mit gebührender
Sorgfalt bearbeitet
, ebenso ist ein Katalog
raisonne der Werke
Niederees angehängt. Wie
man den Künstler überhaupt
in den Entwicklungsgang
der deutschen
Kunst einzureihen hat,
drückte am besten Heinrich
Reifferscheid in den
von mir rückhaltlos unterschriebenen
Worten aus:
>Auf dem Gebiete der
monumentalen religiösen
Kunst ein Versprechen m. klinger
für die Zukunft, Dürers, Photographieverlag E.
Cornelius' und Rethels Kunst in Verbindung mit
starker malerischer Empfindung weiterzuführen, auf
dem Gebiete des intimen Bildnisses aber schon ein
Meister und ein Führer in die Zukunft, auch in seiner
der Zeit voraneilenden koloristischen und technischen
Behandlung«. G.j. w.
PERSONAL- UND
ATELIER-NACHRICHTEN
pvRESDEN. Heinrich Gärtner f. In Dresden
*^ ist am 19. Februar der Landschaftsmaler Heinrich
Gärtner drei Tage vor seinem 81. Geburtstage gestorben
. Er war wohl der letzte Vertreter der heroischhistorischen
Landschaftsmalerei, wie sie die beiden
Preller, Rottmann und Kanoldt vertraten. Am 22. Februar
1828 zu Neu-Strelitz geboren, bildete er sich
unter F. W. Schirmer in Berlin sowie unter Ludwig
Richter in Dresden aus, ein jahrelanger Aufenthalt
in Rom lenkte seine Kunst endgültig in die angegebene
Bahn. Er malte Wandgemälde in Leipzig
(landschaftlicher Fries in einem Skulpturensaale des
Museums, Landschaften mit Szenen aus Amor und
Psyche für Alphons Dürrs Landhaus in Connewitz),
in Berlin (im Treppenhause des Landwirtschaftsministeriums
), in Elbing (in der Aula des Gymnasiums:
Akropolis zu Athen und Festplatz zu Olympia), inDresden
(im nördlichenTreppenhause der Hofoper), in Prag
und Gmunden (in den Landhäusern des Herrn von
Lanna). Tafelgemälde und Handzeichnungen von ihm
besitzen u. a. die Galerie zu Dresden (Im Schweiße
deines Angesichts sollst du dein Brot essen), das
Museum zu Leipzig und das Museum zu Basel. Die
Motive zu seinen Gemälden entnahm Gärtner Italien
und Griechenland. Mehr als die gleichgerichteten Maler
strebte Gärtner nach
fein gestimmter harmonischer
Farbengebung.
pvRESDEN. Georg
Wrba. In dem engeren
Wettbewerbe um die
Ausführung des König
Georg - Denkmals für
Dresden zwischen Prof.
Seffner in Leipzig und
Prof. Georg Wrbain Dresden
hat sich der Denkmalausschuß
für den Entwurf
von Wrba entschieden
. Das Reiterdenkmal,
das Wrba zusammen mit
dem Dresdner Stadtbaurat
Hans Erlwein geplant
hat, soll seinen Platz erhalten
auf einem hohen
schmalen Postament seitwärts
der breiten Freitreppe
, die vom Elbufer
nach dem Theaterplatz
emporführen wird. König
Georg trug in Wrbas erstem
Entwurf römische
Imperatorentracht, nach
Wunsch des Ausschusses
hat Wrba den König in
dem zweiten Entwurf in
sächsischer Jägeruniform
dargestellt. Wrba hat auch
dabei die Monumentalität
der Darstellung zu wahren
gewußt.
TAFELAUFSATZ
A. Seemann, Leipzig
Redaktionsschluß: 23. Februar 1909 Ausgabe: 11. März 1909
Für die Redaktion verantwortlich: F. Schwärt z. — Druck und Verlag von F. Bruckmann A.-G. — Beide in München
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