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DIE GOTTFRIED SCHADOW-AUSSTELLUNG IN DER BERLINER AKADEMIE
namentlich der Sepulkralplastik: für
das Grabmal des Bankiers und Gutsherrn
Schütze in Schöneiche (1798)
(Abb. S. 338), für das Denkmal Bü-
schings (Abb. S. 346), für das Monument
des Rektors Darjes in Frankfurt
a. O. (1800) (Abb. S. 326). Eine besonders
glückliche Verschmelzung antikisierender
und naturalistischer, d. h.
porträthafterElemente zeigt das Arnim-
sche Grabmal in Boitzenburg (1801)
mit der Agrippinapose der trauernden
Gattin und dem Hunde, dessen getreues
Konterfei einem symbolischen Zweck,
wie auf den alten Grabmälern der Gotik
, dienen muß (Abb. S. 334 u. 335).
Die innere Logik dieses Schaffens,
die Folgerichtigkeit der künstlerischen
Phantasie Schadows erhellt sofort,
wenn man seine völlige Unbefangenheit
, seine Unabhängigkeit von der
Stilkonvention seiner Zeit erkannt hat.
Das Klassische — Goethe identifiziert
es in seiner Aesthetik mit dem Poetischen
schlechtweg — erscheint in antikem
Gewand und fügt sich den Regeln
des antiken Stils, das Vaterländische
behält seine charakteristischnationale
Tracht und ist zugunsten
einer malerischen Gesamtwirkung jener
strengen Gebundenheit enthoben.
Man erkennt dies Prinzip, das einer
großen inneren Klarheit und einem
gesunden Empfinden entspricht, besonders
scharf an Schadows Reliefs,
die klassisch strenge Reliefbehandlung in dem
großen Fries der alten Münze (1802), in den
Seitenreliefs des Dessauers (1800), in den Allegorien
der ehemaligen Villa Lichtenau (1791),
im Gegensatz zu der freien zeichnerischen auf
den Zietenreliefs (1793) oder auf Sockeldarstellungen
des Tauentziendenkmals in Breslau
(1795) (Abb. S. 325).
Der gleiche grundlegende Unterschied läßt
sich auf dem Gebiet beobachten, das Schadow
vielleicht mit größter Meisterschaft beherrscht
hat: die Porträtplastik. Die Abgeschiedenen,
deren Büste mehr ein Denkmal als ein Konterfei
sein soll, sind von einer zeitlosen antikisierenden
Gewandung umhüllt, die sie leicht
heroisiert erscheinen läßt; bei den Lebenden
erstreckt sich die Porträttreue auch auf das
Kostüm, dessen Eigenheiten, Uniform, Orden,
zum weiteren Ausbau der Charakteristik nicht
fehlen dürfen. Und wie ist dieses Detail, eine
Halsbinde, ein Jabot, ein gestickter Kragen,
ein Ordensband, diskret und malerisch zugleich
behandelt, ohne die Aufmerksamkeit
G. SCH
Daher
ADOW <Q WEIBLICHES BILDNIS (ZEICHNUNG)
von der Hauptsache abzulenken! Der große
Schnitt dieser Köpfe, von denen eine unvergeßliche
Reihe dieser Ausstellung in erster
Linie Zeitstimmung und Gehaltenheit verlieh,
wetteifert mit der seelischen Feinheit, die der
Meister überall aufgespürt hat (Abb. S. 323).
Unmittelbar an die großen Meister altdeutscher
Bildniskunst reicht er heran, wenn er dem
Leben Aug in Auge gegenübersteht. Und auch
da, wo ihm nur die Totenmaske, die eigene
Erinnerung oder —■ was er oft genug beklagt
hat — ein dürftiges, konventionell lebloses
Abbild aushelfen konnte, wirkt er noch überraschend
lebendig und überzeugend.
Auf diesem Gebiet ist kein Nachlassen zu bemerken
auch nicht in der zweiten Hälfte seines
langen Lebens, etwa in den Jahren 1806 bis
1850, wo seine Produktion immer stockender
wird, um von 1830 ab ganz aufzuhören. Ja,
in einigen Kinderbüsten, die wie aus dem
Geist eines Florentiner Quattrocentisten geschaffen
scheinen, fügt er seiner Porträtgalerie
noch in diesen späten Jahren charakteristische
Typen hinzu.
Die Kunst für Alle XXIV.
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