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DIE FRÜHJAHRSAUSSTELLUNG DER MÜNCHNER SECESSION
tiger >Clou< wird es heiß umstritten. Ich erkenne
vorzügliche koloristische Partien des Bildes an, als
Ganzes ist es mir aber doch zu unausgeglichen.
Auch Willi Geiger, den wir bisher hauptsächlich
als tiefsinnigen Graphiker kennen lernten, hat sich
mit einem Gemälde eingefunden: es ist eine An-
dalusierin von pikanter farbiger Erscheinung; ich
nehme an, daß das Studium Goyas, dem sich Geiger
sehr intensiv gewidmet hat, bei diesem Bilde ein
entscheidendes Wort sprach. Julius Hess ist in
der Unbesorgtheit seiner kühnen, dem Normalkunstfreund
wohl gar häßlich erscheinenden, malerisch
zumindest interessanten Akte das >enfant terrible«
der Ausstellung, eine Ausnahmestellung, die ihm
höchstens Hans BüHLER-Rom mit seinen wohl am
Studium Hodlers erzogenen, temperamentvollen, aber
sicher sehr problematischen Akten »Nibelungen«
streitig machen kann. In eine ganz andere Kerbe
haut Gudmund Hentze: seine miniaturartigen Bildchen
zu Boccaccio-Szenen atmen den Geist farbenfroher
, wenn auch linear ungelenker Trecento-Illu-
minatoren, entbehren aber dabei doch nicht eines
gewissen modernen Einschlags. Das Porträt ist nicht
sehr bedeutend vertreten: am besten gefällt mir ein
ruhiges, malerisch sehr vornehmes Kinderbildnis
von Fritz Burger, außerdem scheinen mir die Arbeiten
von Karl Schwalbach und Hans Lesker
beachtenswert. Bei den Tiermalern lernen wir in
Alfons Purtscher eine frische Kraft kennen. Das
Pferdestück »Durch die Furt« ist eine tüchtige Arbeit
, bei der auch der landschaftliche Teil mit bestem
Gelingen bewältigt ist. Auch in Julius Seyler
sehe ich trotz einer gewissen gelassenen Kühle seines
Kolorits einen vielversprechenden Tiermaler.
Mit den merkwürdigen Vogelgrotesken des eigen-
brödlerischen Jean Blo£ NiESTLfi weiß ich nichts
anderes anzufangen, als sie in ihrer gobelinartigen
Unplastizität als dekorative Ornamente aufzufassen
— wichtiger scheinen mir die freilich auch sehr
stark stilisierten Vogelaquarelle des Hamburgers
F. Lissmann. Um die Interieurmalerei ist es wohl
am besten bestellt bei dieser Ausstellung. Rudolf
Nissl ist der moderne Interieurmaler comme il faut.
Er malt nicht die tonigen, warmen braunen, grauen
oder tiefblauen Innenräume, die in der Münchner
Schule ihre Tradition haben, sondern ganz lichte,
weiße Interieurs voll Sonnenschein und voll bewußter
kompositioneller Unruhe. All das auf einen
gemeinsamen Nenner zu bringen, wird ihm spielend
leicht; auf diesem Spezialgebiet der Kunst scheint
es nun einmal für ihn keine Schwierigkeiten zu
geben. In einigem Abstände von Nißl folgen die
Interieurmaler Eugen Wolff undJosEPH Kühnjr.,
von denen der letztere manchmal wundervoll irisierende
Farben in sein feinnuanciertes Weiß verreibt
. Auch der vielseitige Theodor Hummel gibt
in einem Interieur sein Bestes; er hat sich eine
Spezialität ausgesucht: den Innenraum einer kleinen
Brauerei, der ihm viele neue koloristische Möglichkeiten
bot. Richard Winternitzens Interieurs
können mir dagegen diesmal nicht gefallen; sie sind
ein wenig matt und allzu reserviert gemalt. — Und
so bliebe uns denn noch die große Schar der Landschafter
. An ihre Spitze möchte ich die sonnenblitzenden
Gebirgsschneelandschaften von Paul
Crodel stellen, Arbeiten von ungeheurer Wirksamkeit
, die mit den einfachsten technischen Mitteln
erzielt ist. Hans Beat Wieland und F. Osswald,
beide tüchtige Könner, kommen daneben nicht auf.
Sonst ist W. L. Lehmann mit vollwertigen Proben
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