Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 19. Band.1909
Seite: 362
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-*-^> AUS DEN BERLINER KUNSTSALONS

ihrer prächtigen Tiefe, das sind Dinge, die eine
starke künstlerische Selbständigkeit und einen fein
erzogenen Farbensinn verraten. Rhein ist einer von
den wenigen, die Liebermann studiert haben, ohne
von ihm ins Schlepptau genommen zu werden. Von
Liebermann selbst sind eine ganze Reihe neuester
Bilder und Zeichnungen ausgestellt. Es ist erstaunlich
, wie der Künstler von Jahr zu Jahr fortschreitet,
sich über sich selbst hinaus entwickelt. Ganz neue
Farbenklänge tauchen auf, ebenso ein neues Empfinden
für Helligkeitswerte. Man vergleiche nur
einmal die >Linnenkamer im Amsterdamer Altfrauen-
hause< mit früheren Bildern ähnlichen Sujets! Oft
allerdings, besonders bei den Strandbildern aus
Noordwijk, erscheint die Farbenwahl etwas fragwürdig
. In den Einzelheiten wird Liebermann
immer rudimentärer; es gehört wahrlich der Mut
eines souveränen Beherrschers aller künstlerischen
Mittel dazu, derartige Stenogramme niederzuschreiben
. — Ganz köstlich, von feinstem Humor und
entzückendster Naivität sind die Bildchen von
Reinhold Nägele. Ein wenig Walser, ein wenig
Erler, wohl auch Somoff, aber doch wieder noch
eine ganz eigene Note. Rein zeichnerisch konzipiert
, aber mit feinem Farbengeschmack ausgestattet
und vorzüglich komponiert. Man fühlt sich
versucht, jedes dieser Figürchen mit der Lupe zu
lesen; wir hoffen, öfter in diese Versuchung zu
kommen.

Im Künstlerhaus finden wir neben einer guten Kollektion
Landschaften von Oswald Gette eine bemerkenswerte
Reihe von Werken des Klubs Berliner Landschafter
ausgestellt. Sehr verschiedene Naturen haben
sich hier zusammengetan, gemeinsam aber ist allen
ein kräftiges, herzhaftes Anfassen der Natur ohne
kränkliches Stilisieren. Schwere, wuchtige Bilder aus
Sylt von Ernst Kolbe hängen neben weicheren
Schilderungen von Alfred Liedtke; KarlWendel,
Hans Hartig sowie Leonh. Sandrock schließen
sich würdig an. Hans Klohss bringt eine Anzahl
entzückend frischer Aquarelle. Ein ganzer Saal ist
dem höchst interessanten, bewußt retrospektiv gerichteten
Porträtisten Theodule Ribot eingeräumt.
Daneben allerhand Kleinigkeiten aus dem Nachlaß
von Georg Barlösius, sowie eine Reihe zart
gemalter, liebenswürdiger Landschaften des verstorbenen
Gustav Pflugradt vor. Ferner eine
Reverenz gegen Skarbina, von dem u. a. mehrere
frisch aufgefaßte Szenen aus dem Berliner
Straßenleben dahängen. Allen übrigen Raum absorbieren
die Werke von Ludwig Dill und Adolf
Hölzel. Der eigenartige, melancholische Landschaftscharakter
des Dachauer Mooses ist wohl nie
so prägnant wiedergegeben wie in den weich zerflossenen
Bildern Dills mit ihrer köstlichen Nuancierung
brauner Töne und dem wuchtigen Zusammennehmen
der Massen. Immer wieder dieselben
Themen und immer wieder interessant behandelt.
Hölzel hat wohl eine gewisse Wesensverwandtschaft
mit Dill; sein Wollen aber erstreckt sich auf weitere
Gebiete. Es duldet ihn nicht allein beim Porträtieren
der Landschaft, worin er eigene, oft etwas
wirre Töne anschlägt, ohne die künstlerisch geschlossene
Wirkung, die Dill dank seiner bewußten Beschränkung
fast stets erreicht; sein Bestes ist wohl
die prächtige Ansicht von Cannstatt. Er geht weiter
zur menschlichen Figur, und was er da im letzten
Jahre an Konzentration der Form und an farbigem
Zusammenstimmen der Körper mit ihrer Umgebung
geschaffen hat, das zeigt eine ernsthafte Entwicklung
. Auf Anhieb sind diese Bilder allerdings nicht
zu genießen, erst wenn man sich länger mit ihnen
beschäftigt, geht einem auf, was sie eigentlich in

sich tragen. Vorzüglich in der ganz schlichten Komposition
ist die »Anbetung«, ebenso die Gruppe einer
sitzenden jungen Mutter mit einer dahinterstehenden
Alten. Diese beiden Figuren, die farbig sehr
gut differenziert sind, besitzen dabei eine eminente
Kraft der Erscheinung.

Schulte bringt vielerlei. Drei Porträtisten. Leo
Samberger ist sicherlich einer der subjektivsten
Bildnismaler unserer Zeit. Das Temperament aller
Dargestellten scheint zu einer fabelhaft nervösen
Unruhe potenziert, es ist, wie wenn ein Verwandlungskünstler
zu allen Bildern gesessen hätte. Ein
ganzer Saal gehört den Porträts von Philipp A.
Läszlö (London). Früher waren die hohen und
höchsten Herrschaften nicht zufrieden, wenn sie nicht
ihr Porträt von Tizian, von van Dyck hatten; im
19. Jahrhundert waren es Krüger, Menzel, Lenbach,
die die Züge unserer Herrscher und Aristokraten
unsterblich machten. Muß das 20. Jahrhundert wirklich
mit einem Läszlö vorlieb nehmen? Findet man
wirklich keinen Größeren dazu? Ferdinand See-
boeck (Rom) hat Porträtplastiken von verschiedenster
Qualität ausgestellt. Mir will scheinen, daß es
ihm oftmals nicht gelingt, einen großen Charakter
entschieden herauszuarbeiten. Gleichwohl sind Köpfe
wie der Althoffs, Paulsens, des Großherzogpaars
von Baden weit über dem Durchschnitts-Niveau
stehende Arbeiten. Von Hans von Bartels sind
drei in Farbe und Bewegung gute Brandungsbilder
da, sowie mehrere holländische Interieurs von starker
, leuchtender Farbe. Rudolf Hellwag (Karlsruhe
) bringt englische Landschaften, fein auf Braun
abgestimmt, gern mit nebelvoller Atmosphäre, Ferd.
Dorsch frische, bewegliche Bilder, in denen er
etwas allzu biedermeierisch kokettiert. Gut ist er
überall, wo er die Oelpalette aus der Hand legt.
Endlich noch neben Thorolf Holmboe mit seinen
nordischen Landschaften und Eisbären: Fritz Overbeck
. Es zeigt sich hier wieder, daß die in stumpfen
Farben gehaltenen Bilder des ausgezeichneten, vielseitigen
Landschafters von viel größerer Ausdruckskraft
sind, wie die in leuchtendem Kolorit strahlenden
. Sein helles Grün wirkt dann direkt unwahr.
Prachtvoll ist ein Waldbild von ihm und die ernste
Sylter Dünenlandschaft.

Mit Freuden haben wir bei Keller & Reiner die
Ausstellung von Carl Max Rebel (Rom) begrüßt.
Schon vor einiger Zeit traten uns dort feine Bilder
des Künstlers entgegen. Der oberflächliche Beschauer
wird sich mit dem Urteil »Verwässerte Auflage von
Böcklin< davon abwenden. In gewisser Weise mag
er recht haben. Rebel steht oft zu stark unter dem
Einflüsse Böcklins, und je enger er sich an sein
Vorbild anlehnt, um so drückender fällt der Vergleich
zu seinen Ungunsten aus. So hätten wir den
Hymnus >An die Schönheit« gerne vermißt, ebenso
mehrere andere Bilder, die allzusehr nicht nur in
der Stimmung, sondern auch im rein Aeußerlichen
böcklinisch anmuten. Aber es steckt doch noch
anderes in dem Künstler. Erstlich noch eine Schulung
, die er nur selten verleugnet: die Florentiner
Quattrocentisten haben's ihm angetan; er muß einmal
stark unter ihrem Bann gestanden haben. Nun
aber scheint er doch die Kraft zu haben, sich zu
einer ganz persönlichen Kunst hindurchzuzwingen.
Das sieht man vor allem an seinen ganz ausgezeichneten
Porträts. Da ist beides, Quattrocento und
Böcklin, verarbeitet, da kommt aber auch das Eigenste
Rebeis zum Ausdruck. Besonders das Bild der Frau
Assia Spiro im weißen Kleide vor einer weitgedehnten
Campagnalandschaft; dann das Porträt einer Dame
mit schwarzem Haar und einer Perlenkette, sowie das
große Bildnis der Frau Isy Rebel zeigen eine glänzende

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