Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 19. Band.1909
Seite: 374
(PDF, 162 MB)
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_19_1909/0448
-b-4^> FRANZ METZNER

Griechenlands wieder an, wo das Werk der Plastik
nie spielerischen Selbstzweck verfolgte, sondern
immer einenTeil eines monumental-architektonischen
, zumeist dem Dienste der Götter
gewidmeten Gesamtkunstwerkes bildete. Metzner
fühlt sich auserwählt, für sein Volk in ähnlicher
Weise der Gottheit lebendiges Kleid zu
wirken, inMonumentalwerken von gleichsam urweltlichen
Konzeptionen Andachts- und Weihestätten
für Gläubige eines neuen allbeseligenden
Kunstglaubens zu errichten. Von dieser
Seite her muß man sich Metzner nahen. Seine
Plastiken vereinigen nicht nur im erstaunlichen
Maße das Individuelle und das Typische, wie
das nur den Schaffenden vom Stamme Shakespeares
gelingt, er komponiert auch zu jedem
Standbild gleich den dazu gehörigen Lorbeerhain
, die dazu passende Halle, den dafür nötigen
Platz oder Tempel. Alle seine Gesamtkunstwerke
sind hohe Lieder des Lebens, seiner
Kraft, Fülle und Schönheit. Als Vorbereitung
zu ihnen erscheinen die feierlich-ernsten architektonischen
Entwürfe Metzners zu Tempeln
, Grabdenkmälern, Gruftanlagen und dergleichen
Bauten, die gleichsam eine Verbindung
des einzelnen mit dem All darstellen. Mit der
Schöpfung des „Weibes" (Abb. S. 383) und der
„Erde" (Abb.geg. S. 369),diesen urgewaltig-faustischen
Müttern, tritt Metzner, wie Haberfeld
sagt, in die „Etappe der organischen Verbindung
der Plastik mit der Architektur", indem
„die Figur mit keiner Bewegung über den sie
einschließenden Raum hinausgreift". Es folgen
die plastisch-architektonischen Meisterwerke
Metzners in raschem Aufeinander: Er entwirft
(für Teplitz) ein Kaiser-Josef-Denkmal und
stellt es, damit der sehnende und träumende
Kaiser für seine Ideen den richtigen freien
Raum habe, in eine 50 m lange, grandiose
Terrassen-Anlage, die von den Symbolgestalten
des Ackerbaues und des Gewerbefleißes
behütet wird. Er schafft (für das Industriezentrum
Reichenberg) einen Brunnen, 14 m hoch
und 15 m breit unten im Querschnitt, dessen
drei übereinandergestellte Becken zehn gekrümmte
Giganten tragen, während hoch oben
auf der Spitze der siegreich triumphierende
Geist, ein strahlender Jüngling, weithin über
die unterjochten Gewalten der Erde ins Land
schaut (Abb. S. 372 u. S. 373). Man mag den
Brunnenplatz betreten, von welcher Seite man
will, überall überwältigt derselbe zwingende
Gesamteindruck, überall beugt sich ächzend ein
Riese, den ihm in symmetrischer Gerechtigkeit
auferlegten Teil der Last tragend. Metzner ersinnt
einen (in Prag zur Ausführung komm enden)
Nibelungen-Brunnen für die gotische Wiener
Votiv-Kirche und wiederum reguliert er, von

dem in derMitte desBrunnenbeckensstehenden
ehern-getreuen, herb-ritterlichen Rüdiger von
Bechelaren aus, den ganzen Gartenplatz dieses
Stadtteils (Abb. S. 380 u. S. 381). Er entwirft
ein Denkmal der Kaiserin Elisabeth, und
so, wie sein Rüdiger ein hohes Lied der Treue,
der Reichenberger Brunnen ein hohes Lied der
Arbeit und der Kaiser Josef ein hohes Lied des
Geistes sind, so ist diese Elisabeth mit den zwei
Gruppen voll Duldender, Geknechteter, die zu
der gnadenvollen Frau demütig emporblicken,
eine Verherrlichung der Menschenliebe und
Güte. Ebenso wirkt sein kürzlich in Linz enthülltes
Stelzhamer-Denkmal als ein schlichter
Lobgesang des einfachen, echten, unverdorbenen
Sinnes des oberösterreichischen Volkes
(Abb.S. 149 u.S. 389). Seine mächtigsten Werke
aus der jüngsten Zeit aber —beide gemeinsam
mit Bruno Schmitz ausgeführt—, der eher einem
Fest als einem Weinhaus gleichende Rheingoldbau
in Berlin (Abb. S. 385) und, noch riesenhafter
und mystischer, das Leipziger Völkerschlacht
-Denkmal, dessen gesamten Figurenschmuck
(Abb. S. 387) Metzner beisteuert, sind
Triumphgesänge auf den deutschen Geist, die
deutsche Kraft, des deutschen Volkes Zukunft.

Von des Künstlers persönlichem Schicksal
ist nur zu erzählen, daß er sich buchstäblich
zum Siege durchgehungert hat, den Ideen,
die ihn trieben, stets treu bleibend. Er ist
1870 in Wscherau bei Mies in Deutschböhmen
geboren, hat als Musterzeichnerund Steinmetzgeselle
in Pilsen begonnen, hat dann für die
Königlich Preußische Porzellan-Manufaktur
Modelle geformt und jahrelang nur von ersten
Preisen gelebt, die ihm bei Konkurrenzen verliehen
wurden, während besser protegierten
Mittelmäßigkeiten die Ausführung zufiel (das
Richard-Wagner-Denkmal für Berlin, das Monument
der Kaiserin Elisabeth für Wien, das
Weltpostdenkmal für Bern, das Krematorium
für Bremen). 1903 wurde er endlich vom
österreichischen Kultus- und Unterrichtsministerium
als Professor an die Wiener Kunstgewerbeschule
berufen. Zeitweilig beurlaubt,
wirkt er jetzt in Berlin; aber ein Platz an
der Wiener Akademie wird ihm früher oder
später zufallen.

Heute steht er ja als Wiedergebärer und Erneuerer
der monumentalen Plastik an erster
Stelle, und es bleibt ihm hoffentlich weiterhin
das bitterste Schicksal des Plastikers,
seine Entwürfe nur in Gips gegossen und
preisgekrönt, nicht aber ausgeführt zu sehen,
erspart. Denn jeder andere verkannte Künstler
, sei er nun Dichter, Komponist oder Maler,
kann, aller Verhöhnung zum Trotz, weiter
schaffen und warten, bis seine Stunde kommt.

374


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_19_1909/0448