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^sö> ÜBER NATURSTUDIUM <^=^
nicht nur dem Ihrigen gleich — es ist ausgeschlossen
, daß man den ewigen Wechsel
nach der Natur fixieren kann —, es bestand
sogar in der Einsicht, daß man, was Farbe
und Leuchtkraft derselben anbelangt, als einzig
berechtigten „Naturalisten" einen Glasmaler
gelten lassen könnte, dessen Bilder,
dessen Farben vom wirklichen Licht gesteigert,
unterstützt werden. Ist erst das Himmelslicht
selbst im Spiel, dann kann man mit ihm
konkurrieren — fehlt es, dann ist unsere Farbe
eigentlich ein elender Dreck! Als „Naturalist"
verunglückt man nicht erst auf hoher See —
man läuft nicht einmal glatt vom Stapel."
Der erste Maler: Ich fühle, wie sehr Sie,
leider, recht haben. Ich dachte schließlich,
die eigene Unfähigkeit durch das leistungsfähigere
Auge der Kamera zu korrigieren, die,
wie Sie wissen — Vioo der Sekunde und weit
weniger gebraucht, um einen Naturzusammenhang
zu bannen. Ich wußte mit meinem optisch
-mechanischen Auge nicht nur Licht, Luft,
Wasser und Sonne zu bringen — ich habe
sogar mehrfach von ein und derselben Stelle
aus zwei Aufnahmen gemacht, um Zu-
standsdifferenzen des Wassers zu bekommen.
Auch das ist gelungen und doch bleibt das
scheußliche Gefühl, daß ich gerade zwei Momente
aus einer endlosen Zahl gewonnen habe:
welcher Augenblick der Wellen- und Seebewegung
taugt also für mich? Bleibt nicht
auch die beste Kamera weit hinter der Erscheinungsvielheit
zurück? Müßte man nicht,
um konsequent zu sein, einen Kinematographen
aufstellen?? Und selbst dann noch - - hätte
man nicht damit immer erst „Naturmomente",
— Zufälligkeiten? Man wäre noch immer
himmelweit von einem „Bilde", von einem
Kunstwerk entfernt, wie es mir wenigstens im
Inneren vorschwebt."
Der zweite Maler: „Sie sprechen Ihre richtig
abgelesenen Beobachtungen aus, Sie Wissenschaftler
! Wenn mich etwas wundert, dann
ist es nicht Ihre hier an der See gemachte
schmerzhafte Einsicht in die Unmöglichkeit:
Natur abzuschreiben — ich wundere mich,
daß Sie nicht schon bei Ihren sonstigen Naturstudien
längstzu demselben Resultatgekommen
sind. Haben Sie je ein wirklich unveränderliches
Objekt — ein sich stets gleichbleibendes
Modell gesehen?---? Ihr Stutzen ob
dieser Frage zeigt mir, daß Sie den Kern derselben
fühlen. Es gibt für mich keine unveränderlichen
Modelle oder Objekte. Haben
Sie je mit dem Skizzenbuch vor einer schönen
alten Eiche gesessen? — Gut, ist Ihnen nicht
aufgefallen, wie sich die Licht- und Schattenmassen
bei Sonnenschein sichtbar verschieben?
Sie verstehen, daß ich nicht die wirkliche Bewegung
der Aeste und Blätter meine, die schon
der feinste Lufthauch hervorruft — ich meine
nichts, als die sichtbare Beleuchtungsveränderung
in der Erscheinung des Baumes —, mit
der allein wir Maler ja etwas zu tun haben.
JOHN LAVERY
BRÜCKE IN GREIZ
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