Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 19. Band.1909
Seite: 431
(PDF, 162 MB)
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JOHN LAVERY

VERA CHRISTIE

Noch deutlicher: Ich spreche von der dauernden
, stark merkbaren Veränderung in unserem
Sehbilde!

Weiter: „Sie haben doch wohl schon Porträt
gezeichnet oder gemalt? — Schön! Ist Ihnen
nie die starke, oft ungeheuerliche Veränderung
in den Zügen, im Ausdruck eines Menschen
aufgefallen ? Alle Menschen, besonders Frauen,
wechseln doch sichtlich den Ausdruck, selbst
wenn Sie die annähernd gleichen Beleuchtungsverhältnisse
wieder herstellen können: Nordlicht
, Fenstervorhänge u. s. w. — Sie verstehen
mich. Ich spreche wiederum nur von dem
Widerspiegeln der inneren, psychischen Vorgänge
im Antlitz des Modells — und diese
Sehbildänderungen sind genau so schnell und
deutlich sichtbar, wie der Wechsel Ihres unbändigen
Modelles „See", wie der Beleuchtungswechsel
der Eiche.

Sind Sie nie in Verzweiflung geraten, wenn
man in einer Malschule einen sogenannten

Bewegungsakt stellte? mit der stupiden Forderung
, man solle diesen angeblich bewegten
Körper zeichnen? Ich sah einst einen Neger
posieren, der eine Stange hielt und so tun
sollte, als stoße er, aufrechtstehend, ein Boot
ab; diese Schifferstellung dauerte Sekunden —!
Dann stand da ein Mensch in sinnloser Pose,
der einfach eine Stange in den Händen hielt.
Vom Modell war das ganz natürlich, denn auch
der Stärkste und der Geübteste kann nicht
dauernd eine Bewegungsstellung innehalten —:
ist Ihnen der Wechsel in solchen Fällen nie
aufgefallen?? Scheint er Ihnen etwa anders
zu sein, als der Wechsel des Meeres, des
Baumes, des Kopfes — vor allem der der
Beleuchtung??"

Der erste Maler antwortete nicht gleich, man
sah ihm an, daß er innerlich stark mit dem
Problem rang. Nach einer Weile sagte er
bestürzt: „Wenn Sie recht haben — und
das scheint mir der Fall zu sein — dann wäre

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