Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 19. Band.1909
Seite: 451
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_19_1909/0529
^=4^> ÜBER NATURSTUDIUM <^*~

die einfache Begabung zu dem hat, was man
Handwerk in der Kunst nennt. Er muß eine
Art „Technik" — sie sei so primitiv wie sie
wolle — schon dann besitzen, wenn er den
ersten Kindermalkasten unter dem Weihnachtsbaum
findet. Ein Umgehen-Können mit technischen
Dingen muß angeboren sein. Fehlte
diese Begabung, dann würde er mit dem größten
Fleißenieaus denKlauen derSphinx: „Technik"
kommen. Die Nicht-Techniker seien also ausgeschaltet
, wie man Bergsteiger zurückweist,
wenn es gilt — ein Schiff zu bemannen. Wir
sprechen nur von Malern, deren „ Lernen" nichts
anderes ist, als ein Ausbilden und Pflegen ihrer
Naturanlage: Dieses notwendige Ausbilden der
Begabung besteht nie und nimmer im bloßen
technischen Training, z. B. in der bloßen Abschrift
der Naturerscheinung, die ja, wie wir
anfangs gesehen haben, streng genommen unmöglich
ist. Ich glaube, daß sich das eigentliche
Lernen auf unserem Gebiet fast stets im
sogenannten Unterbewußtsein, in unserem Inneren
abspielt, ohne daß uns die Vorgänge
deutlich werden. Selbst wenn Sie meine eigene
Erfahrung nicht gelten lassen wollen — die

Beispiele, in denen Künstler durch Wort und
Werk von derselben Erfahrung berichten, sind
zu zahlreich, zu schwerwiegend, um nicht beachtet
zu werden. Ist einer ein Maler-Künstler,
dann „lernt" er schon für seinen Beruf, wenn
er noch gar nicht an seinen Beruf denkt! Sein
Lernen ist nichts als ein Erleben — schon als
Kind ist etwas in ihm tätig, gegen das er sich
nicht einmal wehren könnte, selbst wenn er
es wollte, sogar wenn er es sollte! Ich bin
fest davon überzeugt, daß für ihn ein Spaziergang
mehr Studium ist, als fünf Stunden Aktzeichnen
. Und dabei meine ich ganz und gar
nicht, daß er etwa mit dem Skizzenbuch durch
die Landschaft läuft, hier und dort herumschnuppernd
— ob er nicht ein passendes
Objekt oder „Motiv" findet — das wäre ja
schon das falsche, wissenschaftliche Naturstudium
— es ist nichts nötiger und wichtiger,
als daß er fähig ist, sich mit der durchwanderten
Natur möglichst eins, verschmolzen zu
fühlen. Er muß sich ihrer freuen, er muß
sie lieben — so stark, daß er unfähig ist zum
Abgrasen irgendwelcher Detailschönheit. Er
muß das Ganze so total in sich aufsaugen,

ROBERT BREYER

LEKTÜRE

Ausstellung der Berliner Secession

451

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