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-!t4^> ÜBER NATURSTUDIUM
Leben lang Faust und Mephisto in einer Person
gewesen. Er schrieb sich selbst und seine Zustände
— glauben Sie, er hätte für den Herrn
der Ratten, Wanzen, Läuse ein Modell gesucht
oder gefunden? Er brauchte das nicht, er war
es ja selbst. Stellen Sie sich doch einmal
vor, ein Dichter brauche einen ausgemachten
Schurken und sei
außerstande, sich
wenigstens als solchen
zu fühlen!
Meinen Sie, daß er
einen Schurken findet
, wenn er ihn
sucht oder ausrufen
läßt?? „Ein Schuft
alsModellgesucht!"
— Ich wette, er findet
nur höchst ehrbare
Leute, selbst
wenn die ganze
Welt voll Schufte
wäre!"
Wir lachten herzlich
ob dieser drolligen
deutlichen Beweisführung
, aber
der zweite Maler
fuhr erregt fort:
„Sehen Sie, meine
Herren, ich glaube
einfach nicht, daß
den hohen Werken
der Kunst aus Vergangenheit
und Gegenwart
Naturstudien
in dem heute
üblichen Sinne zugrunde
lagen. Ich
bin überzeugt, daß
heute fast durchweg
die meisten
Gedächtnis- und
Orientierungsskizzen
der alten Meister
— die natürlich
ein hohes Können
verraten, fälschlich
für Naturstudien angesehen werden. Ich will
Ihnen einige Meisterwerke echtester Kunst
und höchster Vollendung nennen — und Sie
sollen mir sagen, ob und wie zu ihnen Natur-
studien auch nur möglich, denkbar gewesen sind.
Sie kennen die Decke der Sixtinischen Kapelle
in Rom! Glauben Sie, daß Gott-Vater Michelangelo
zuliebe in der Nähe von Rom über unsere
Erdkugel dahingeschwebt ist, um seinem wahrhaften
Ebenbilde zu zeigen, wie man mit Herr-
LEO VON KONIG
Ausstellung der
schergebärde eine Welt ins Dasein ruft? Glauben
Sie, daß der Riese Matthias Grünwald die
Möglichkeit hatte, Modellstudien zu seinem wie
eine Flamme zum Himmel fahrenden Christus
zu machen? Meinen Sie wirklich, daß unsere
liebe Frau einige Jahre in Flandern und am
Niederrhein lebte, um den dortigen Künstlerfürsten
Modell zu
sitzen? Halten sie
Ferdinand Hodler
für einen jugendlichen
Greis von
300 und etlichen
Jahren, weil er
1515 bei Marignano
den Rückzug der
Schweizer skizziert
hat? Glauben Sie
wirklich, daß unser
schon erwähnter
Meister Arnold
etwa mit einem
Schleppnetz einen
Tritonen gefangen
hat, der dann so
freundlich war, bei
Sturm auf einer
Klippe Modell zu
sitzen? Vielleicht
um sich seine Freiheit
wieder zu erkaufen
? IstTh.Th.
Heine wohl mit einem
Ballon gegen
Himmel gefahren,
um zu beobachten
, wie die Abgesandten
der Buren
mit dem heiligen
Petrus parlamen-
tieren? Ich denke
diese Beispiele genügen
, um zu zeigen
, was ich unter
einem Kunstwerk
verstanden wissen
will. Es ist unter
allen Umständen
und immer eine — Vision des Künstlers, die
nichts, garnichts mit „Natur", mit „Realismus"
zu tun hat und sei die dargestellte Szene,
der Zusammenhang auch noch so „natürlich".
Auch der heiligste Visionär nimmt — um sich
verständlich zu machen, die uns verständlichen
Formen der Außenwelt — übrigens wechselt
ja diese Formensprache, je nach der Zeit, nach
demVolke, dem ein Bildner angehört! —, aber
die Formen müssen sich seinem Willen fügen,
VOR DEM TANZ
Berliner Secession
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