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DIE GROSSE BERLINER KUNSTAUSSTELLUNG 1909 <^^~
Charakter zu geben; etwas Vorbildliches ist
hierbei allerdings nicht herausgekommen; immerhin
ist man für die dadurch erzielte Abwechslung
dankbar. Sehr zu begrüßen aber
ist die kleine Revolution, die man sich durch
Aufhebung des patriotisch-militärischen Ehrensaales
erlaubt hat, der bisher immer dazu
berufen schien, dem Besucher von vornherein
ARTUR KAMPF
Große Berliner Kunstausstellung 1909
den Geschmack an der Ausstellung gründlich
zu verderben. An seine Stelle ist eine stattliche
Sammlung von Künstlerporträts getreten,
Bildnisse älterer und neuerer Künstler; vom
alten Anton Graff an, durch die Cornelius-
Generation hindurch bis in unsere Tage hinein.
Hier in diesem ersten Saale setzt die Ausstellung
mit einem höchst beachtenswerten
Auftakt ein und entschädigt dadurch für manches
Dutzend langweiliger und impotenter Arbeiten
, die durch ihr massenhaftes Auftreten
den Genuß zu einer Arbeit machen.
Als ruhende Pole in der Erscheinungen
Flucht wirken einige Kabinette mit geschlossenen
Kollektionen je eines Künstlers. So
hat man den verstorbenen Bildhauern Max
Klein und Ferdinand Lepcke besondere
Räume gewidmet (den Manen des erstgenannten
sicher nicht zum
Vorteil, da die Anhäufung
seiner Werke sie schlechter
erscheinen läßt, als sie vielleicht
in Wirklichkeit sind);
so hat auch Hoffmann-
Fallersleben seinen besonderen
Raum. Ebenso
Carl Vinnen, der leider
aus seiner Worpsweder Einsamkeit
, deren Stimmung er
so wundervoll beherrschte,
heraus und an die See gegangen
ist. Aber wer weiß,
vielleicht lernt er das ewig
bewegte Meer ebenso wiederzugeben
, wie früher seine
Moorgräben und stillen
Tümpel mit den konzentrisch
verzitternden Kreisen.
Daß er das scharf beobachtende
Auge dazu besitzt, beweisen
einige seiner Brandungsbilder
. In der Kollektion
Otto H. Engels
bekundet sich wieder das
Ueberragen des Landschafters
über den Figurenmaler
(trotz der prachtvollen zwei
Priesteram Meeresstrande);
Dettmann schlägt keine besonders
neuen Töne an.
Hans Unger (Abb. S. 476)
gehört zu den Künstlern,
die den zukünftigen Kunsthistorikern
— wenn diese
unnütze Kaste der Kunstdrohnen
dann nicht bereits
mit Stumpf und Stiel ausgerottet
ist! — die Bestimmung
ihrer Oeuvre sehr leicht machen.
Er wird höchstens eine Doktordissertation
verschulden. Obgleich er eine große malerische
und zeichnerische Begabung hat,
wird er durch die stete Wiederholung
seiner einmal aufgestellten Gesetze langweilig.
Sicherlich muß jeder Künstler seinen individuellen
Stil haben, aber der Stil muß aus
innerem Zwang heraus geboren sein, nicht
aus derVorliebe für originelle Aeußerlichkeiten.
DER CLOWN
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