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-^=^> DIE SECESSIONSGALERIE IN MÜNCHEN
otto reiniger
landschaft
Secessionsgalerie, München
kirche. Die wundervollen, in den Farben sehr
aparten „Geigenden Engel" müssen aus diesem
Zyklus nachdrücklich hervorgehoben werden
(Abb. geg. S. 489). Von Richard Pietzsch gab
es zwei große Isartalbilder, das eine in österlicher
Vorfrühlingsstimmung, das andere im
vollen Lenz, doch schlängelt sich der Fluß
nicht in traditioneller, frühlingszuckeriger
idyllischer Schäferanmut durch blumenzarte
Auen, sondern er quillt schäumend über und
führt mächtige Massen grauen Hochwassers
daher. Die Stimmung ist in beiden Fällen
völlig ausgeschöpft, und als absolute Malerei
gehören die Bilder zum Besten, was Pietzsch
bisher gemalt (Abb. S. 502). Habermann zeigte
damals schon ein koloristisch sehr interessantes
Selbstbildnis aus älterer Zeit, ferner sah
man Arbeiten von Jüngeren, wie Feldbauer,
Schramm-Zittau usf.
Das war also vor mehr als drei Jahren
der „Bestand" der Galerie. Inzwischen
ist sie bedeutend angewachsen und bis zu
einem gewissen Grad ist sie heute bereits
in der Lage, der „Neuen Pinakothek" Konkurrenz
zu machen, wenigstens was den Ueber-
blick über die letzte Periode der Münchner
Kunstentwicklung anlangt. Doch beabsichtigt
die Secessionsgalerie nicht, ein Konkurrenzunternehmen
der offiziellen staatlichen Sammlung
zu sein, obwohl es deren in München
jederzeit etliche gab: ich meine die großen,
von feinem und unabhängigem Geschmacke
bestimmtenPrivatsammlungen. Die Secessionsgalerie
vermag aber auch ohne Konkurrenzgedanken
wenigstens nach einer Seite sehr
bessernd, obwohl kaum bekehrend zu wirken;
nämlich als Korrektiv der offiziellen Staatsankäufe
. Den Eingeweihten ist nicht
unbekannt, daß bei diesen Ankäufen sehr
häufig ganz andere Umstände als die künstlerischen
mitsprechen, und daß gerade die
besten Bilder eines Ausstellungsjahres für
gewöhnlich nicht in die Neue Pinakothek
wandern. Hier müßte die Galerie einsetzen,
diese Bilder müßte sie erwerben und späteren
Generationen überliefern. . .
Kehren wir nochmals zur Secessionsgalerie
selbst zurück. Leider haust sie
für gewöhnlich immer noch oben im Dachgeschoß
, zu dem man auf einer schmalen
Wendeltreppe emporsteigt, und leider macht
sich dort schon das chronische Galerie-
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