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BRIEFE EINES UNGARISCHEN PILOTY-SCHÜLERS <^t~
FRITZ BURGER
BILDNIS
Glaspalast München 1909
allen Menschen etwas herauszulocken und
zwingt sie gleichsam sich selbst zu übertreffen
. Als ich schon dachte, mein Bild
nähere sich der Vollendung, fand er vieles
daran auszusetzen. Er sagte, ich müsse den
Kopf übermalen, der sei nichts nütze; hier
und dort müsse ich Aenderungen vornehmen.
Piloty reiste gerade damals aufs Land, doch
versprach er mir, jeden Freitag hereinzukommen
, um meine Arbeit zu korrigieren.
Nun saß ich da! Da die andern Teile des
Bildes nach der Natur gezeichnet waren, paßte
der Kopf, den ich aus dem Gedächtnis komponiert
hatte, nicht hinein. Wo sollte ich
nun unter den hiesigen Gestalten einen Kopf
für meinen Faun finden? Da half mir ein
junger, griechischer Maler aus der Verlegenheit
. Dieser schien auf seinen charakteristischen
Faunkopf stolz zu sein und nahm es
mir fast übel, daß ich einen Faun male, ohne
ihn als Modell zu benützen. Natürlich griff
ich zu und der Professor war bei seinem
nächsten Besuche zufrieden."
Aus all diesen Briefen fühlt man deutlich
die große Verehrung, die Szinyei für seinen
Meister hegte.
Die große internationale Ausstellung von
1869 aber brachte nicht nur in Leibis, sondern
auch in Szinyeis Leben eine entscheidende
Wendung. Am 9. August 1869
schrieb er seinem Vater: „Die hiesige
Ausstellung war ganz großartig, sie übertraf
alle Erwartungen. Für mich war
sie von großer Bedeutung; es war die
erste Gelegenheit, die hiesige Schule
mit andern zu vergleichen und den außer
Zweifel stehenden Sieg der Franzosen
zu sehen. Vor allem konnte ich den
schädlichen Einfluß der Schulen beobachten
. Zwar ist dieser Einfluß eine
Zeitlang unumgänglich notwendig, doch
später ertötet er jede Originalität. Und
diese ist doch der größte Schatz des
Künstlers, den er — weil er so leicht
verloren geht — eifersüchtig bewahren
sollte. Ich erinnere mich lebhaft an
Deine Worte, nicht bei einem Meister
zu bleiben, sondern in der Welt Umschau
zu halten. Du sagtest eine große
Wahrheit! Ich bin entschlossen, aus
Pilotys Schule auszutreten und von nun
an einem Lehrer zu folgen, der mich
bestens leiten wird. Dieser Lehrer ist
die Natur. Vorläufig miete ich mir hier
ein Atelier. Es ist unbedingt notwendig,
daß ich ein halbes Jahr ohne Störung
arbeite; und das kann ich hier am besten
. Ich muß die vielen neuen Eindrücke
des letzten halben Jahres in Ruhe
verarbeiten. Ich darf sie nicht durch eine
neue Reise vermehren, sonst entsteht ein
Chaos daraus, das mir nicht Nutzen, sondern
nur Schaden bringen kann. Ich gehe also eine
Woche aufs Land, Studien zu malen" ....
Wie deutlich sah er mit einem Male seine
Zukunft! Mit welcher Sicherheit erkannte er
den Einfluß, der auf ihn wirkte, und den Weg,
den er gehen mußte! Sein Vater rief ihn nach
Hause, doch ging er nicht und schrieb in einem
späteren Brief: „Die Ausstellung hat mich so
aus dem Geleise gebracht, daß ich nur sehen,
staunen und lernen konnte, doch an meinen
Bildern zu arbeiten nicht imstande war. Ich
habe jede Exaltation überwunden und bin jetzt
in dem Stadium, ein Bild zu beginnen, um die
Eindrücke zu verwerten, die noch frisch und
warm in meinem Gedächtnis leben."
Also ein neuer beredter Beweis von der
Wirkung der Münchner internationalen Ausstellung
!
Er trat dann, wie auch Leibi, aus Pilotys
Schule aus, doch blieben die dort erhaltenen
Eindrücke für immer von günstiger Wirkung
auf seine Kunst, — was der Meister auch
jetzt noch gerne erwähnt.
Dr. BfiLA Läzär
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