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-sä-^> DIE AKADEMIEN UND DER KUNSTUNTERRICHT
HEINRICH VON ZÜGEL
SONNTAG ABEND IN DER HEIDE
Ausstellung Düsseldorf 1909
die mit Bildungsidealen gesättigt, deren Urteil
aber gerade in unserem Falle durch tiefere
Erfahrung nicht eben getrübt war. Seit hundert
Jahren und länger haben wir nun den staatlichen
Kunstunterricht vor Augen; an seinen
Früchten soll er zu erkennen und zu bewerten
sein. Es ist aber ein recht offenes Geheimnis,
daß in all den Kreisen, die den akademischen
Betrieb kennen, über seinen Wert eine ziemlich
ausgebreitete Resignation herrscht. Eine ganze
Anzahl vernehmlicher Stimmen erhebt sich
sogar zu scharfem Protest. Gleichzeitig aber
bilden sich immer deutlicher gewisse Richtlinien
im zeitgenössischen Kunstschaffen aus,
die eine Annäherung der akademisch getrennten
Einzelkünste erkennen lassen : eine
neue Orientierung zum Handwerklichen, zur
„Werkkunst" hin ist eingetreten. Neue Formen
des Studiums werden gesucht und gefunden.
Und die Akademien? Sie stehen immer noch
da, wo sie vor hundert Jahren hingestellt
wurden. Sie sind fast ausschließlich auf die
„hohe" und „freie", auf die Atelierkunst eingestellt
. Und damit sind sie in Gefahr geraten
, aus der Entwicklung ausgeschaltet zu
werden.
Wir können das ruhig aussprechen, sine
ira et studio. Es wäre ja unnatürlich, wenn's
anders wäre. Das humanistische Bildungsideal
unserer klassischen Epoche ist brüchig geworden
, es umfaßt längst nicht mehr all die
vielfältig gewandelten Lehrziele, die das moderne
Leben dem heutigen Menschen, der
sich in der Welt behaupten will, aufnötigt.
Die Realfächer beanspruchen die Ebenbürtigkeit
neben den klassischen Sprachen, das
Polytechnikum ist neben die Universität getreten
. Und innerhalb des Universitätskörpers
wird die spezifisch wissenschaftliche Arbeit, die
Forschung oder doch die Anleitung zu selbständigem
Forschen und Denken mehr und
mehr in die Seminarpraxis verlegt, in die
praktisch angewandte Mitarbeit der begabtesten
Hörer.
Die Kunstakademien haben sich gegenüber
diesen Tendenzen der Zeit bisher sehr passiv
verhalten. Als in den siebziger Jahren die
Kunstgewerbeschulen neben die Kunstschulen
traten, sahen die akademischen Künste dieser
Konzession an die Industrien gelassen zu.
Die Akademie stand ja diesen Anstalten mit
ihrer vorzugsweisen Aufgabe einer Ausbildung
von Handfertigkeiten unendlich fern.
Die freien Künste brauchten zwar auch ihre
jeweilige Technik, aber der akademische Unterricht
war doch vor allem dazu da, die höheren
Direktiven zu geben, den Geist zu künstlerisch
bedeutsamen Erfindungen geschmeidig zu
machen. Daher die zeitweilige Ueberschätzung
der Historienmalerei als des vornehmsten
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