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DIE VIII. INTERNATIONALE KUNSTAUSSTELLUNG DER STADT VENEDIG
im geschlossenen Raum zu Hause, wo es ja
überall Lichtwunder des Frauenkörpers oder
raffiniert zueinander gestimmter Stoffe zu beobachten
gibt.
Während sonst, wie schon eingangs erwähnt
, die Scheidung nach Persönlichkeiten
oder nach Ortsgruppen peinlich vollzogen
wurde, bildet das Häuflein derer, die erst
auf Grund des Ausspruchs einer Jury Zugang
gefunden haben, ein internationales Intermezzo
. Da begegnet man neben längst in
Ansehen stehenden Künstlern wie Friedrich
Klein-Chevalier (Abb. S. 567) und Henry
Caro-Delvaille (Abb. S. 577) den jüngsten
Jahrgängen der Italiener. Keiner verrät sovielmalerische
Eigenart wie ErcoleSibellato,
der am freiesten entfaltet in seinen „Schlangenbeschwörern
" (Abb. S. 570) die von ihm beliebte
bukolische Note anschlägt, in hellgoldigen
Tönen. Das Geheimnis, auf malerischem
ARTUR NOCI
Ausstellung Venedig 1909
Wege dekorative Einheit zu erreichen, hat
sich auch für Guido Marussig erschlossen;
bei seiner Dame im Reifrock („1850") und
bei der Wiedergabe der Spiegelung eines vom
sommerlichen Vollmond beschienenen Hauses
an einem stillen Venediger Kanal ist es ihm
gewiß weniger um das Gegenständliche als
um die träumerisch entrückte Stimmung zu
tun. Felice Casorati ist ein eindringlicher
Psycholog; die Tücke und den Schwachsinn
in den Charakterfiguren einer Schar alter
Weiber weiß er, in den Farben überdies ungemein
reizvoll, ebensogut zu zeichnen, wie
die frühe Verderbtheit schlanker Backfische.
Keineswegs so subtil gibt sich Umberto
Martina, denn er malt sein Pensum mit
hurtiger Malerfaust herunter, viel energischer
noch als Giuseppe Graziosi oder Guglielmo
Talamini („Bildnis einer Hundertjährigen"),
den diesmal nicht allzu fahrigen Antonio
Alciati nicht zu vergessen, der
die Farbigkeit zugunsten leichenfahler
Monochromie unterdrückt.
Will man in die Betrachtung der
italienischen „mostre individuali"
— „Einer-Ausstellungen" wie das
zu übersetzen versucht wurde —
ein System bringen, muß man wohl
mit den nekrologisch gemeinten
beginnen. Den Schlachten- und
Pferdemaler Giovanni Fattori
(1825—1908), dessen beste Eigenschaft
wohl ist, daß ernie in hohles
Pathos verfiel, kannte man als Patriarchen
schon von früheren Ausstellungen
her, auch den Florentiner
Telemaco Signorini (1835
bis 1900), bei dem zu verweilen
sich lohnt. Er gehört zu den mit
einem starken Intellekt begabten
Aufrührern; was da von seinen
Bildern auf einer ausgiebigen Wand
vereinigt wurde, will jetzt vielen
nicht so kühn erscheinen, nicht
so außerordentlich ».gesehen", daß
man daraus die revolutionäre Wirkungbegriffe
. Und doch: wenn man
auch heutzutage darüber hinausgewachsen
ist, hat Signorini nicht
nur den zeitlichen Vorrang, seine
Arbeiten sind Stück für Stück sehr
gemußt, studiert, so daß man jetzt
noch den ersten Griff nach dem
Leben spürt. Dieses Unmittelbare
fesselt einen auch bei dem just um
ein Menschenalterspätergeborenen
Giuseppe Pellizza da Volpedo,
ja dieser ergreift geradezu durch
AKT
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