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-*=4=ö> KUNSTWERK UND BILD
A.MARTINI DIE SCHÖNE FREMDE
Ausstellung Venedig 1909
weißen Fleisch zu dem tiefwarmbraunen Hintergrund
bildend, der die Gestalt in prachtvoller
Wirkung heraushob. Die Linke bedeckte,
wie in einer Ueberraschung, die Scham, die
Rechte war, wie infolge Erschreckens, emporgehoben
, den Unterarm leicht nach vorn schiebend
. Obwohl nach dem Modell gemalt, war
das Modell mit seinen störenden Zufälligkeiten
überwunden, besonders in der Haltung des
Körpers und in der Gebärde: das Gemälde
war ein Kunstwerk; das mußte der Neid gestehen
. Der Maler wollte mehr.
Damit es ein Bild werde, wollte er ihm
eine Handlung einschieben, eine Novelle.
Er gab dem Weib in die leicht vorgeschobene,
halberhobene Rechte einen Handspiegel,
änderte leicht den Ausdruck der Augen, fand
seine Arbeit gut und nannte das Bild: „Vor
dem Spiegel". Ein Nebentitel: „Eitelkeit"
drängte sich ihm leise auf und fand ein halbes
Gehör.
Jetzt war das Kunstwerk von ehedem zwar
kein Bild, aber es hatte auch das Recht eingebüßt
, ein Kunstwerk zu heißen.
Der Maler fühlte das ; doch konnte er sich
keine Rechenschaft geben, woran es liegen
mochte. Er war doch nicht kopflos zu Werke
gegangen? Er hatte doch etwas dabei gedacht
, als er das Bild schuf, indem er dem
Weibe den Spiegel in die Hand gab, sich
darin zu betrachten?
Wenn er es „Eitelkeit" nennte?
Er legte dem Weib eine Perlenschnur um
den Hals, einen leichten Schmuck ins Haar
und gab ihr, um den Farbenreiz zu steigern,
noch eine weiße und eine blaue Blume dazu,
die von der Fülle der Haare gehalten wurden.
Er besah es eingehend. Das Gemälde
war um keinen Deut besser als zuvor. Obwohl
es „Eitelkeit" hieß . . .
Nun beschließt er, soweit als angängig,
eine Komposition daraus zu machen. Durch
Zufall kommt ihm ein guter Gedanke. Oder
auch eine gute Erinnerung. Es blitzt ihm
ein uralt-neuer Titel auf: „Tod und Eitelkeit".
Nun muß es werden!
Rechts neben dem Weibe ist noch ein
Streifen freier Raum; da hat der Tod Platz.
Er kommt (als Skelett) aus dem dunklen
Hintergrund, hält sich dicht im Rücken des
Weibes, den Schädel beinahe an ihrer rechten
freien Schulter; seine Knochenhand schiebt
er mit verbindlicher Kavaliergeste nach vorn,
als wollte er etwa sagen: „Bitte, nach Ihnen,
gnädige Frau!" Oder: „Darf ich freundlichst
bitten, Verehrteste?" So steht er da, der
grause Schreckensmann; gut gemalt, trefflich
im Raum, fein berechnet im Ton, meister-
A. MARTINI ILLUSTRATION ZU E. POE
Ausstellung Venedig 1909
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