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^sg> KUNSTWERK UND BILD <^^-
haft in der Gebärde . . . Die Komposition
ist fertig; der Künstler jubelt.
Je mehr er aber das Werk betrachtet, um
so weniger ist er damit zufrieden. Trotz der
meisterlichen Technik; trotz der harmonischen
Farbengebung. Es ist keine Komposition!
fällig! — im Spiegel betrachtet. Beide nebeneinander
; jedes für sich, ohne jegliche Verbindung
durch Handlung oder durch Stimmung
noch Gedanken. Eine Komposition? Hier Kraut,
hier Speck; aber niemals Kraut und Speck!
Hast du dir denn bei alledem was gedacht?"
H.CARO-DELVAILLE
VOR DEM SPIEGEL
Aasstellung Venedig 1909
sagt er sich; aber es ist auch kein Bild!
muß er sich gestehen. Und nicht einmal
ein Kunstwerk !
Ein andrer Maler sieht das Gemälde. Denn
nur ein Gemälde ist es. Der weiß nicht,
was es ist, noch was es besagen soll. Ihm
sagt es gar nichts! „Tod und Eitelkeit"
etwa? Weder „Tod" noch „Eitelkeit!" Hier
ist ein Knochengerüst, das den Tod vorstellen
soll; hier ein Weib, das sich — zu-
„Der Titel besagt's!"
„Nichts hast du dabei gedacht; gar nichts!
Sieh her: Wenn wir diese Linke hier von
der Scham wegnähmen — was meinst du?
Da Eitelkeit und Schamhaftigkeit doch gar
nichts miteinander zu tun haben! Oder
doch einander nicht bedingen! Warum soll
denn das Weib sich schämen, da sie ja allein
ist! Oder sich doch allein wähnt; denn sie
gewahrt den Tod noch nicht hinter sich! In
Die Kunst für Alle XXIV.
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